Ich stehe plötzlich mitten in einem Haufen ausgebleichtem Plastik. Zwischen riesigen Bojen liegen alte Fischernetze, unzählige Flaschen und poröse Plastikteile. Was auf den ersten Blick nach einer recht skurrilen Freizeitbeschäftigung klingt, ist Teil einer Forschungsaktion, an der ich teilnehmen durfte.
Ehrenamtliches Projekt zur Erfassung von Plastikmüll im Pazifik
An meiner Gastuniversität, der Hawaiʻi Pacific University, stieß ich auf eine Ausschreibung von der NGO Sustainable Coastlines Hawai‘i für ein ehrenamtliches Forschungsprojekt zur Erfassung von Plastikmüll. Ziel war es, Herkunft und Zusammensetzung jener Abfälle zu bestimmen, die regelmäßig an Hawaiis abgelegenen Küsten angeschwemmt werden – ein winziges Mosaikstück im globalen Puzzle der marinen Plastikverschmutzung.
Nur wenige Wochen später stand ich mit einem interdisziplinären Team vor einer Lagerhalle nahe Kailua. Ausgestattet mit Handschuhen, Waagen und einem Berg an Neugier begannen wir die Arbeit. Der gesammelte Müll war zuvor an den entlegenen, kaum besuchten Küsten Molokais (das ist eine benachbarte Insel von O‘ahu) eingesammelt, in gigantische, reißfeste Supersacs gefüllt und per Helikopter nach Oʻahu transportiert worden. Hier startete die mühsame Detailanalyse.
Die Plastikstrudel bestehen zum Großteil aus Fischernetzen
Beim Sortieren zeigte sich das wahre Ausmaß des Problems. Ein Großteil des Materials bestand aus ausgedienten Fischernetzen und Leinen – sogenannten Ghost Nets, die herrenlos im Meer treiben, Meereslebewesen gefährden und schließlich tonnenweise an Küsten wie denen Hawaiis landen.
Daneben dominierten Bojen, häufig mit chinesischen Aufschriften. Wir fanden zahlreiche Schuhe – teilweise noch paarweise –, neu verpackte Konsumgüter, die offenbar von Containerschiffen über Bord gegangen waren, sowie unzählige Plastikflaschen, überwiegend mit chinesischen Etiketten. Ein Hersteller stach dabei besonders häufig hervor: Coca-Cola und seine Submarken.
Manche Gegenstände waren in einem so guten Zustand, dass einige Volunteers sie nach der Registrierung in der Studie privat weiterverwendeten. Besonders häufig waren das Crocs, die wie beschrieben oft noch paarweise zusammengebunden und quasi neuwertig waren.
Erschütternd war vor allem die Banalität des Fundes: Alltagsprodukte, die wir täglich nutzen, hatten Tausende Kilometer zurückgelegt – nur um irgendwann an einem entlegenen Strand im Pazifik zu stranden. Der einzige überraschende Vorteil von Meeresplastik: Es stinkt nicht.
Die Verschmutzung der Meere mit eigenen Augen sehen
Zwischen diesen säckeweisen Plastikfunden wurde für mich erstmals das tatsächliche Ausmaß der Meeresverschmutzung greifbar – nicht als Statistik, sondern als physische Realität vor meinen Füßen. Gleichzeitig zeigte der Vergleich der Mengen, dass institutionelle, industrielle Verschmutzung – in Form von Netzen, Leinen und Bojen – weitaus dominanter ist als individueller Konsummüll. Konsumkritik mag wichtig sein, doch der größere Hebel liegt im System.
Mut machte mir hingegen das Team, das mit beeindruckender Entschlossenheit arbeitete: Studierende, Forschende und Freiwillige aus der ganzen Welt, vereint durch die Überzeugung, dass Veränderung möglich ist.
Es braucht ein Umdenken auf allen Ebenen für den Schutz der Ozeane
Recycling und Mülltrennung sind wichtig – doch sie reichen bei Weitem nicht aus. Was es braucht, ist ein tiefgreifendes Umdenken in Produktion, Konsum, vor allem aber in politischen und institutionellen Entscheidungen weltweit.
Und vielleicht beginnt dieses Umdenken genau dort: In dem Moment, in dem man selbst in einem Haufen ausgebleichten Plastiks steht und erkennt, wie eng das globale System mit einem entlegenen Strand im Pazifik verknüpft ist.
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