Lithium in Portugal: Wie eine gerechte Rohstoffpolitik aussehen könnte

Lennart Winter

Student

Lennart Winter studiert Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie und verbringt sein Auslandssemester an der ULisboa (Técnico) in Lissabon. In seinen Beiträgen zeigt er, wie technologische Innovationen zur Klimawende beitragen können und an vielen Stellen bereits heute Wirkung entfalten.

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11. März 2026

Lithiumabbau schürt massive Ängste im Norden Portugals

Lennart Winter berichtet aus Portugal. In Teil 1 berichtet er über Offshore-Wind, in Teil 2 über die größten Lithiumreserven und in Teil 3 untersucht er, wie eine gerechte Rohstoffpolitik aussehen könnte.

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Wer in diesen Tagen durch die sanften Hügel der Region Barroso im Norden Portugals wandert, mag an manchen Tagen eine Anspannung vernehmen. Was in den Strategiepapieren in Lissabon und Brüssel als notwendiger Schritt zur Klimaneutralität gefeiert wird, wird hier vor Ort oft als Bedrohung der Lebensgrundlagen wahrgenommen. Im ersten Teil dieser Analyse haben wir gesehen, wie der geplante Lithiumabbau massive Ängste vor Landschaftszerstörung und Wasserknappheit schürt und lokale Widerstandsbewegungen mobilisiert (Canelas & Carvalho, 2023; Silva & Sareen, 2023). Doch die bloße Ablehnung löst das globale Dilemma nicht: Die Energiewende benötigt Rohstoffe. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur „Ja oder Nein“ zur Mine, sondern: Unter welchen Bedingungen wäre ein Abbau in Europa überhaupt politisch und moralisch verantwortbar?

Was heißt gerechte Rohstoffpolitik für Portugals Lithium?

Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick in die Forschung zur „Energy Justice“ (Energiegerechtigkeit). Wissenschaftler argumentieren, dass eine bloße Reduktion von CO2-Emissionen nicht ausreicht, wenn dabei neue Ungerechtigkeiten entstehen (Canelas & Carvalho, 2023; Sovacool et al., 2023). Eine gerechte Rohstoffpolitik für
Portugal müsste demnach drei zentrale Dimensionen erfüllen, die in der Literatur immer wieder betont werden: Erstens die Verteilungsgerechtigkeit. Bislang tragen lokale Gemeinden wie Covas do Barroso die Lasten. Lärm, Staub, Landschaftswandel; während die Gewinne in die Konzernzentralen oder in den Staatshaushalt fließen. Chaves et al. (2021) zeigen in ihrer Analyse des Barroso-Alvão-Projekts, dass zwar nationale makroökonomische Gewinne winken, die lokalen sozioökonomischen Risiken für Landwirtschaft und Tourismus jedoch oft unterschätzt werden. Zweitens die Verfahrensgerechtigkeit. Hier geht es um die Frage, wie Entscheidungen getroffen werden. In Portugal fühlen sich lokale Akteure oft erst einbezogen, wenn die Weichen längst gestellt sind. Die Forschung zeigt, dass Partizipation oft als bloße Informationsveranstaltung missverstanden wird, statt echte Mitbestimmung zu ermöglichen (Campos et al., 2022). Drittens die Anerkennungsgerechtigkeit. Dies bedeutet, die kulturelle Identität und die spezifischen Lebensweisen der betroffenen Regionen ernst zu nehmen, anstatt sie als „leere Räume“ oder bloße Ressourcenlager zu betrachten (Silva & Sareen, 2023). Ein „grüner“ Kapitalismus, der lokale Gemeinschaften überrollt, reproduziert jene kolonialen Muster, die man eigentlich überwinden wollte, ein Phänomen, das Voskoboynik and Andreucci
(2022) treffend als „Green Extractivism“ bezeichnen. Wenn Europa in Portugal scheitert, diese Prinzipien umzusetzen, verliert das Versprechen einer globalen „Just Transition“ seine Glaubwürdigkeit.

Bessere Governance vor Ort: Wie Lithiumprojekte in Portugal fairer werden könnten

Wie lässt sich dieser theoretische Anspruch in die portugiesische Praxis übersetzen? Die Analyse der vorliegenden Studien liefert konkrete Ansatzpunkte für eine bessere Governance. Ein entscheidender Hebel ist die frühzeitige und ernsthafte Beteiligung. Studien aus dem lateinamerikanischen „Lithium-Dreieck“ zeigen, dass Konsultationen oft zu spät kommen und Machtasymmetrien zementieren (Escosteguy et al., 2022; Marchegiani et al., 2020). Für Portugal bedeutet das: Beteiligung darf nicht erst im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) stattfinden. Campos et
al. (2022) fordern Formate, die es Bürgern ermöglichen, schon in der Planungsphase Einfluss zu nehmen, etwa durch Bürgerversammlungen oder verbindliche Dialoge, die über bloßes „Zuhören“ hinausgehen. Auch wenn das Prinzip des „Free, Prior and Informed Consent“ (FPIC) völkerrechtlich primär für indigene Völker gilt, wäre die Anwendung dieses Geistes auf die ländlichen Gemeinschaften Portugals ein starkes Signal für echte Partnerschaft.

Ein zweiter Punkt ist Transparenz und unabhängiges Monitoring. In Chile und Argentinien ist das Misstrauen gegenüber Unternehmensdaten zur Wassernutzung riesig, da staatliche Kontrollen oft fehlen (Babidge, 2019; Liu & Agusdinata, 2020). Auch in Portugal gibt es Bedenken hinsichtlich der Datenlage zu Umweltauswirkungen (Rodrigues, n.d.). Eine gerechte Politik müsste unabhängige, öffentlich finanzierte Gutachten und ein transparentes Echtzeit-Monitoring von Wasser- und Luftqualität garantieren, das für die Bevölkerung jederzeit einsehbar ist. Drittens braucht es effektives Benefit-Sharing. Es reicht nicht, Arbeitsplätze zu versprechen, die oft nur temporär sind oder von Fachkräften von außerhalb besetzt werden (Chaves et al., 2021). Modelle, bei denen ein fester Prozentsatz der Erlöse direkt in lokale Entwicklungsfonds fließt (verwaltet von den Gemeinden selbst), könnten die Akzeptanz erhöhen und die lokale Wirtschaft diversifizieren, statt sie von der Mine abhängig zu machen. Schließlich müssen rote Linien definiert werden. Chaves et al. (2021) weisen darauf hin, dass bestimmte Ökosysteme oder kulturell bedeutsame Landschaften (wie das landwirtschaftliche Erbe in Barroso) durch Bergbau irreversibel geschädigt werden könnten. Eine gerechte Politik muss den Mut haben, Projekte abzulehnen, wenn sie ökologische Belastungsgrenzen überschreiten, anstatt sie um jeden Preis durchzusetzen.

Weniger Druck auf neue Minen: Alternativen und Ergänzungen zur Rohstoffstrategie

Eine gerechte Rohstoffpolitik darf sich nicht nur auf das „Wie“ des Abbaus beschränken, sie muss auch das „Wieviel“ hinterfragen. Die massive Ausweitung des Bergbaus wird oft als alternativlos dargestellt, doch die Literatur zeigt differenzierte Pfade auf. Ein Schlüsselelement ist die Kreislaufwirtschaft. Berthet et al. (2024) modellieren, wie stark der Bedarf an Primärmaterialien durch Recycling gesenkt werden kann. Zwar wird Recycling den kurzfristigen Bedarf bis 2030 kaum decken können, da noch nicht genügend Altbatterien zurückfließen, mittel- bis langfristig ist es jedoch
der wichtigste Hebel, um den Druck auf Abbaugebiete wie in Portugal zu senken. Ebenso wichtig sind Materialeffizienz und Technologiepfade. Riofrancos (2023) kritisiert den „Sicherheits-Nachhaltigkeits-Nexus“, der primär auf Angebotssicherung (Onshoring) setzt, statt die Nachfrage zu steuern. Eine Verkehrspolitik, die nicht
nur Verbrenner durch E-Autos ersetzt, sondern den Individualverkehr insgesamt reduziert (durch ÖPNV und Sharing-Modelle) und auf kleinere Batterien setzt, könnte den Lithiumbedarf drastisch senken (Europe, 2024). Solche nachfrageseitigen Lösungen sind zwar politisch unbequem, aber essenziell, um zu verhindern, dass Portugal oder Länder des Globalen Südens zu bloßen Lieferanten eines ungebremsteneuropäischen Ressourcenhungers werden.

Was Portugal uns über faire Energiewende sagt

Der Konflikt in den portugiesischen Bergen ist kein lokales Kuriosum, sondern direkt mit der deutschen und europäischen Industriepolitik verknüpft. Wenn Volkswagen oder BMW „grüne“ Autos bauen wollen, benötigen sie Lithium, das nicht nur CO2-arm, sondern auch sozialverträglich gewonnen wurde. Das „Onshoring“ von Lieferketten, wie es die EU und die USA forcieren, holt die ökologischen Kosten der Energiewende vor die eigene Haustür (Riofrancos, 2023). Für Deutschland und die EU ergeben sich daraus klare Hausaufgaben. Das europäische Lieferkettengesetz und die Batterieverordnung sind erste Schritte. Sie müssen jedoch sicherstellen, dass
Zertifizierungen und Standards nicht zu reinen Marketinginstrumenten verkommen. Wie Kramarz et al. (2024) am Beispiel privater Standards (wie IRMA) zeigen, bieten diese zwar oft bessere Schutzmechanismen als schwache nationale Gesetze, ersetzen aber keine demokratische Kontrolle. Die EU muss darauf dringen, dass in Portugal und anderswo höchste Umwelt- und Sozialstandards nicht nur auf dem Papier stehen, sondern durchgesetzt werden. Zudem sollte die EU ihre Partnerschaften, ob mit Chile, Argentinien oder Portugal, nicht nur als Rohstoffsicherung begreifen, sondern als Entwicklungszusammenarbeit, die Wertschöpfung vor Ort fördert und lokale Rechte stärkt (Murguía & Obaya, 2024).

Fazit: Ein „Ja, aber“ zum Lithiumabbau in Portugal

Lithium aus Portugal bietet die Chance, Europas Abhängigkeit von geopolitisch riskanten Importen zu verringern und Transportwege zu verkürzen, was die CO2- Bilanz verbessert. Doch das Risiko ist hoch: Ohne Kurskorrektur droht der Abbau, ländliche Regionen zu opfern und das Vertrauen in die Energiewende zu verspielen.

Ein „Ja“ zum Lithiumabbau in Portugal kann es daher nur unter strikten Bedingungen geben:

  • Veto-Rechte und echte Teilhabe für lokale Gemeinschaften bei der Standortwahl und Projektgestaltung.
  • Verbindliche ökologische Ausschlusskriterien, die den Schutz von Wasser und Biodiversität über Profite stellen.
  • Eine europäische Bedarfsstrategie, die Recycling und Suffizienz (weniger Autos, kleinere Batterien) genauso aggressiv verfolgt wie die Erschließung neuer Minen.

Portugal ist der Testfall. Gelingt es hier, Lithiumabbau demokratisch und ökologisch sensibel zu gestalten, kann er ein Eckpfeiler einer gerechten Energiewende werden. Scheitert der Versuch am Widerstand der Bevölkerung, ist dies ein Weckruf: Eine grüne Zukunft, die auf neuen Ungerechtigkeiten aufbaut, steht auf tönernen
Füßen.

Quellen:

Babidge, S. (2019). Sustaining ignorance: The uncertainties of groundwater and its extraction in the Salar de Atacama, northern Chile. Journal of the Royal Anthropological Institute, 25 (1), 83–102. https://doi.org/10.1111/1467-9655.12965

Berthet, E., Lavalley, J., Anquetil-Deck, C., Ballesteros, F., Stadler, K., Soytas, U., Hauschild, M., & Laurent, A. (2024). Assessing the social and environmental impacts of critical mineral supply chains for the energy transition in Europe.
Global Environmental Change, 86, 102841. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2024.102841

Campos, I., Brito, M., De Souza, D., Santino, A., Luz, G., & Pera, D. (2022). Structuring the problem of an inclusive and sustainable energy transition – A pilot study. Journal of Cleaner Production, 365, 132763. https://doi.org
/10.1016/j.jclepro.2022.132763

Canelas, J., & Carvalho, A. (2023). The dark side of the energy transition: Extractivist violence, energy (in)justice and lithium mining in Portugal. Energy Research & Social Science, 100, 103096. https://doi.org/10.1016/j.erss.2023.103096

Chaves, C., Pereira, E., Ferreira, P., & Guerner Dias, A. (2021). Concerns about lithium extraction: A review and application for Portugal. The Extractive Industries and Society, 8 (3), 100928. https://doi.org/10.1016/j.exis.2021.100928

Escosteguy, M., Clavijo, A., Paz, W. F. D., Hufty, M., & Seghezzo, L. (2022). “We are not allowed to speak”: Some thoughts about a consultation process around lithium mining in Northern Argentina. The Extractive Industries and
Society, 11, 101134. https://doi.org/10.1016/j.exis.2022.101134

Europe, T. L. R. H. .-. (2024). Striking a balance: Europe’s green energy ambitions and the environmental impact of lithium. The Lancet Regional Health – Europe, 45, 101090. https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2024.101090

Kramarz, T., Mahiques, M. V. A., Allan, T., Escosteguy, M., Kingsbury, D., & Seghezzo, L. (2024). Redundancies, layers, and dilemmas: Comparing private standards and public regulations in lithium mining. The Extractive Industries
and Society, 18, 101479. https://doi.org/10.1016/j.exis.2024.101479

Liu, W., & Agusdinata, D. B. (2020). Interdependencies of lithium mining and communities sustainability in Salar de Atacama, Chile. Journal of Cleaner Production, 260, 120838. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2020.120838

Marchegiani, P., Morgera, E., & Parks, L. (2020). Indigenous peoples’ rights to natural resources in Argentina: The challenges of impact assessment, consent and fair and equitable benefit-sharing in cases of lithium mining. The International Journal of Human Rights, 24 (2-3), 224–240. https://doi.org/10.1080/13642987.2019.1677617

Murguía, D. I., & Obaya, M. (2024). Exploring conditions for just lithium mining in South America. The case of the EU responsible sourcing strategy [Publisher: IOP Publishing]. Environmental Research Letters, 19 (12), 124098. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ad948d

Riofrancos, T. (2023). The Security–Sustainability Nexus: Lithium Onshoring in the
Global North. Global Environmental Politics, 23 (1), 20–41. https://doi.org/10.1162/glep_a_00668

Rodrigues, P. (n.d.). Evaluation of the impact of lithium exploitation at the C57 mine (Gonçalo, Portugal) on water, soil and air quality | Environmental Earth Sciences. Retrieved December 12, 2025, from https://link.springer.com/article/10.1007/s12665-019-8541-4

Silva, L., & Sareen, S. (2023). The calm before the storm? The making of a lithium frontier in transitioning Portugal. The Extractive Industries and Society, 15, 101308. https://doi.org/10.1016/j.exis.2023.101308

Sovacool, B. K., Del Rio, D. F., & Zhang, W. (2023). The political economy of netzero transitions: Policy drivers, barriers, and justice benefits to decarbonization in eight carbon-neutral countries. Journal of Environmental Management, 347, 119154. https://doi.org/10.1016/j.jenvman.2023.119154

Voskoboynik, D. M., & Andreucci, D. (2022). Greening extractivism: Environmental discourses and resource governance in the ‘Lithium Triangle’. Environment and Planning E: Nature and Space, 5 (2), 787–809. https://doi.org/10.1177/25148486211006345

 

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