Lithium in Portugal: Weißes Gold schürt soziale Ungerechtigkeit

Lennart Winter

Student

Lennart Winter studiert Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie und verbringt sein Auslandssemester an der ULisboa (Técnico) in Lissabon. In seinen Beiträgen zeigt er, wie technologische Innovationen zur Klimawende beitragen können und an vielen Stellen bereits heute Wirkung entfalten.

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11. März 2026

Lennart Winter berichtet aus Portugal. In Teil 1 berichtet er über Offshore-Wind, in Teil 2 über die größten Lithiumreserven und in Teil 3 untersucht er, wie eine gerechte Rohstoffpolitik aussehen könnte.

Mehr zur Energiewende in Portugal finden Sie hier.

Als Masterstudent am Instituto Superior Técnico hier in Lissabon bekommt man die Energiewende nicht nur in Vorlesungssälen mit, sondern auch auf der Straße. Portugal gilt als Musterschüler der Erneuerbaren: Kohlekraftwerke wurden abgeschaltet, Weltrekorde bei Solarauktionen aufgestellt. Doch abseits der glänzenden Solarpanels braut sich in den ländlichen Regionen des Nordens und der Mitte des Landes ein Sturm zusammen. Es geht um Lithium. Das „weiße Gold“ ist der kritische Rohstoff für die Batterien, die unsere Elektroautos antreiben und unser Stromnetz
stabilisieren sollen. Portugal verfügt über die größten Lithiumreserven Europas und steht damit im Zentrum einer geopolitischen Strategie der EU, unabhängiger von Importen zu werden. Doch vor Ort regt sich Widerstand. Was in Brüssel und Berlin als notwendiger Schritt zur Klimaneutralität gefeiert wird, empfinden viele Menschen in den betroffenen Gemeinden als Bedrohung ihrer Lebensgrundlage.

In diesem Bericht möchte ich zeigen: Wir stehen vor einem Dilemma, bei dem globale Klimaziele und lokale Gerechtigkeit hart aufeinanderprallen.

Lithium als Motor der Energiewende und Portugals neue Rolle

Technisch gesehen ist die Sache klar: Um den Verkehrssektor zu dekarbonisieren und
volatile erneuerbare Energien zu speichern, sind Lithium-Ionen-Batterien derzeit alternativlos. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass die Nachfrage nach Lithium bis 2040 um das 40-fache steigen könnte. In diesem Szenario nimmt Portugal eine Schlüsselrolle ein. Das Land rangiert weltweit an siebter Stelle bei den Lithiumreserven und ist bereits heute der größte Produzent Europas, bisher jedoch fast ausschließlich für die Keramik- und Glasindustrie. Die neue EU-Strategie und der „Green Deal“ sehen vor, diese Vorkommen nun für die Batterieproduktion zu nutzen. Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette, vom Abbau über die Raffinerie bis zur Zellfertigung, in Europa zu halten. Portugal soll nicht mehr nur Rohstofflieferant sein, sondern ein industrieller Hub für die „grüne“ Mobilität werden. Doch Studien warnen: Eine rein auf Technologie und Marktversorgung ausgerichtete Politik greift zu kurz. Der massive Ausbau der Extraktion reproduziert koloniale Muster der Ressourcenausbeutung,
selbst wenn er unter dem Banner des Klimaschutzes stattfindet. Ein Phänomen, das in der Forschung als „Green Extractivism“ bezeichnet wird

Zwischen Rohstoffchance und Landschaftskonflikt

Die konkreten Projekte, etwa in der Region Barroso im Norden Portugals, versprechen auf dem Papier wirtschaftlichen Aufschwung: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und eine Aufwertung strukturschwacher Regionen. Befürworter argumentieren, dass moderne Bergbautechnologien die Eingriffe minimieren können. Doch die Realität des Hartgestein-Abbaus (im Gegensatz zur Sole-Extraktion in Südamerika) bedeutet in Portugal riesige Tagebaue („Open Pit Mining“). Wissenschaftliche Untersuchungen listen potenziell gravierende Umweltfolgen auf: Die Zerstörung von
Lebensräumen, Lärm, Staubentwicklung und vor allem Risiken für den Wasserhaushalt. In einer Region, die stark von traditioneller Landwirtschaft und einem engen Bezug zur Natur geprägt ist, wiegen diese Eingriffe schwer. Es geht nicht nur um Umweltschutz im technischen Sinne, sondern um den Verlust von Kulturlandschaften und einer Lebensweise, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Die Forschung zeigt, dass die lokalen Gemeinschaften oft das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Transparenzdefizite und eine als arrogant wahrgenommene Kommunikation seitens der Behörden und Unternehmen haben das Vertrauen in vielen Fällen zerrüttet.

Wer trägt die Last? Gerechtigkeitsfragen rund um Portugals Lithium

Hier berühren wir den Kern des Problems: die Frage der Energiegerechtigkeit. Die Forschung spricht von „Green Sacrifice Zones“, grünen Opferzonen. Das sind Gebiete, die ökologisch und sozial geopfert werden, um den „grünen“ Lebensstil und den Konsum in den Metropolen zu ermöglichen. In Portugal sehen sich ländliche Gemeinden mit einer „infrastrukturellen Kolonialisierung“ konfrontiert: Erst kamen die Staudämme, dann die Windparks, nun die Minen. Ein Blick über den Atlantik hilft, diese Muster zu verstehen. Im „Lithium-Dreieck“ (Chile, Argentinien, Bolivien) wird Lithium meist aus salzhaltigen Grundwässern (Sole) gewonnen. Dort führen Wasserknappheit und die Missachtung indigener Rechte seit Jahren zu Konflikten. Studien aus Argentinien zeigen, dass trotz Versprechen von Entwicklung die lokalen Gemeinden oft nur marginal profitieren, während sie die ökologischen Lasten tragen.

Auch wenn die geologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in Portugal anders sind, ähnelt die sozio-politische Dynamik: Periphere Regionen sollen die Rohstoffe für eine globale Transition liefern, deren Nutzen (saubere Autos, saubere Luft in Städten) anderswo anfällt. In Portugal formieren sich deshalb soziale Bewegungen, die nicht pauschal gegen Klimaschutz sind, sondern die Art und Weise der Transition hinterfragen. Sie fordern, dass „grün“ nicht nur CO-frei, sondern auch gerecht bedeutet. Ihre Kritik richtet sich gegen eine technokratische Politik, die lokale Werte und alternative Entwicklungspfade (wie Agrarökologie oder Tourismus) ignoriert.

Was bedeutet portugiesisches Lithium für Deutschland und Europa?

Für Deutschland ist das portugiesische Lithium von strategischer Bedeutung. Die deutsche Automobilindustrie braucht gesicherte Lieferketten für ihre E-Offensive. Doch wenn wir Lithium aus Portugal beziehen, importieren wir nicht nur ein Metall, sondern auch die damit verbundenen Konflikte. Die Forschung zum „mineral footprint“ der EU zeigt, dass Europa zwar 60 % seines Erz-Fußabdrucks im eigenen Kontinent hat, aber bei kritischen Batteriemetallen extrem abhängig von Importen ist, die oft mit Menschenrechtsrisiken und Umweltschäden verbunden sind. Das „Onshoring“, also die Verlagerung des Bergbaus nach Europa (wie nach Portugal), soll diese Abhängigkeiten und ethischen Risiken mindern. Doch dies funktioniert nur, wenn europäische Projekte tatsächlich höheren Standards genügen. Wenn in Portugal Umweltschutzauflagen als bürokratische Hindernisse wahrgenommen und Prozesse beschleunigt werden, ohne die Bevölkerung mitzunehmen, verliert das Label „Made in Europe“ seinen moralischen Mehrwert. Die EU-Strategie des „Responsible Sourcing“ muss über bloße Absichtserklärungen hinausgehen und sicherstellen, dass lokale Gemeinschaften echte Mitsprache und faire Teilhabe erhalten.

Lithium ist wichtig für die Energiewende - aber um welchen Preis?

Lithium ist zweifellos ein Eckpfeiler der globalen Energiewende. Ohne diesen Rohstoff ist das 1,5-Grad-Ziel kaum zu erreichen. Doch die wissenschaftliche Literatur macht unmissverständlich klar: Es gibt keinen „sauberen“ Bergbau zum Nulltarif. Die aktuellen Konflikte in Portugal sind ein Weckruf. Sie zeigen, dass eine Energiewende, die lediglich fossile Brennstoffe durch Mineralien ersetzt, ohne die zugrundeliegenden Konsummuster und Machtstrukturen zu hinterfragen, neue Ungerechtigkeiten schafft. Für eine wirklich nachhaltige Lösung braucht es mehr als neue Minen. Es braucht eine massive Investition in Recyclingtechnologien und Kreislaufwirtschaft, um den Primärbedarf zu senken. Vor allem aber braucht es demokratische Prozesse, die lokale Gemeinschaften nicht als Hindernis, sondern als Partner begreifen. Solange der Lithiumabbau in Portugal als „notwendiges Übel“ von oben herab durchgesetzt wird, bleibt der Preis der Energiewende für die Menschen vor Ort zu hoch. Eine gerechte Transition darf keine neuen Opferzonen schaffen! Weder in der Atacama-Wüste noch in den Bergen Nordportugals.

Quellen:

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