Leben auf engstem Raum – Wie die URA Nachhaltige Urbane Regeneration in Hongkong gestaltet

Vanessa Szablata

Studentin

Vanessa Szablata studiert im Master Sustainability & Innovation Management an der Universität Graz und verbringt ihr Auslandssemester an der Chinese University of Hong Kong. In ihren Beiträgen beleuchtet sie ökologische Fragestellungen einer lebendigen Metropole – etwa urbane Nachhaltigkeit, Ressourcenmanagement und innovative Umweltlösungen – und zeigt, wie große Städte mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen.

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13. Mai 2026

Bereits in meinem ersten Artikel schrieb ich über die Stadt Hongkong als dicht besiedelten Großstadtdschungel, umgeben von viel Grün, steinigem Terrain und dem Südchinesischen Meer. Die zahlreichen Berge, Wälder und geschützten Naturflächen führen dazu, dass sich das urbane Leben auf einen begrenzten Teil des Territoriums konzentriert. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Wie gestaltet sich unter diesen Bedingungen der Lebensraum so vieler Menschen in Hongkong? Und vor allem: Kann städtische Erneuerung dieses Lebensraums gleichzeitig ökologisch, wirtschaftlich und sozial gerecht sein? 

Aus Klein mach Groß! – Ein historischer Rückblick

Foto: Vanessa Szablata

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Hongkong nicht immer eine pulsierende Metropole war. Aus kleineren Fischerdörfern und Siedlungen entwickelte sich die Stadt nach der Abtretung der Insel Hongkong an Großbritannien infolge des Ersten Opiumkriegs (1842) zu einem bedeutenden Handelshafen zwischen China und dem Westen – begünstigt durch ihre strategisch günstige Lage. 

Im 20. Jahrhundert, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Volksrepublik China 1949, führte eine massive Migration vom chinesischen Festland zu einem rasanten Bevölkerungswachstum. Zwischen 1945 und 1951 verdoppelte sich die Einwohnerzahl nahezu. Industrie, Textilproduktion und später auch der Finanzsektor machten Hongkong zu einem der sogenannten „vier asiatischen Tigerstaaten“. 

Der daraus resultierende Platzmangel führte zu einer extrem dichten Bebauung: hohe Wohnhochhäuser, enge Straßenzüge und multifunktionale Gebäudekomplexe prägen das Stadtbild bis heute. Hongkong zählt weiterhin zu den am dichtesten besiedelten Städten der Welt. 

Wachstum mit Nebenwirkungen

Die enorme Verdichtung brachte wirtschaftlichen Erfolg, jedoch auch strukturelle Probleme mit sich. Viele ältere Stadtteile sind bis heute geprägt von veralteter Bausubstanz, mangelhafter Belüftung, fehlenden Freiflächen und unzureichenden Sicherheitsstandards. Besonders betroffen sind Stadtteile wie Kowloon mit ihrer industriellen Vergangenheit oder dichter Nachkriegsbebauung. Wohnraum ist knapp, teuer und häufig sehr klein – öffentliche Freiräume gewinnen dadurch umso mehr an Bedeutung. 

Um diesen Entwicklungen zu begegnen, wurde 2001 die Urban Renewal Authority (URA) gegründet. Ihre Aufgabe ist es, ältere Quartiere zu erneuern, die bauliche Sicherheit zu verbessern und ökologische sowie soziale Aspekte stärker zu berücksichtigen. Stadterneuerung wird dabei nicht als isoliertes Bauprojekt verstanden, sondern als langfristiger Transformationsprozess, der verschiedene Stadtteile Hongkongs erfasst. 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das Kwun Tong Town Centre im Osten Kowloons – eines der größten und komplexesten Projekte der URA. 

Das Kwun Tong Town Centre als Beispiel urbaner Regeneration

Foto: Vanessa Szablata

Das Projekt umfasst die schrittweise Neugestaltung des ehemaligen Markt- und Gewerbegebiets rund um den Yue Man Square. Seit 2008 wird das Areal in ein modernes, gemischt genutztes Zentrum umgewandelt. Ziel ist es, bauliche Sicherheit zu erhöhen, neue öffentliche Räume zu schaffen und gleichzeitig Wohn- und Gewerbeflächen zu integrieren. Dach- und Podiumsgärten sollen das Mikroklima verbessern und dem städtischen Wärmeinseleffekt entgegenwirken. 

Charakteristisch ist die vertikale Mischnutzung: Mehrere Wohnhochhäuser erheben sich über einem mehrstöckigen Einkaufszentrum. Ergänzt wird der Komplex durch öffentlich zugängliche sowie private Grünflächen, Gastronomieangebote und zusätzliche Einrichtungen wie beispielsweise eine Bibliothek für die Anwohner. Wohnen, Konsum und Freizeit werden hier räumlich verdichtet und miteinander verbunden. 

Doch solche Strukturen sind längst kein Einzelfall mehr und vergleichbare Komplexe prägen heute zahlreiche Stadtviertel Hongkongs. Diese Bauweise steht in engem Zusammenhang mit dem Finanzierungsmodell der URA, die sich maßgeblich über Grundstücksprämien und Immobilienverkäufe selbst finanziert. Das ermöglicht großflächige Modernisierungen, wirft jedoch zugleich Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und Gentrifizierung auf. 

Zwischen Aufwertung und Verlust von Nachbarschaft

Studien zum Kwun Tong Town Centre verweisen auf steigende Immobilienpreise, die Verdrängung einkommensschwächerer Gruppen sowie das Ersetzen traditioneller Marktstrukturen durch hochwertigere Einzelhandelsangebote. Auch wenn die Erneuerung staatlich gesteuert ist, bleibt das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Rentabilität und sozialer Stabilität bestehen. 

Vor der Umgestaltung war das Gebiet rund um den Yue Man Square geprägt von lokalen Händler*innen, kleinen Marktständen und engen nachbarschaftlichen Netzwerken. Der Markt fungierte nicht nur als Versorgungsort, sondern auch als sozialer Treffpunkt. Alltägliche Begegnungen stärkten das Gemeinschaftsgefühl im Viertel. 

Forschung zu städtischen Transformationsprozessen in Hongkong zeigt, dass wahrgenommene Gentrifizierung den „Sense of Community“ – also das Gefühl von Zugehörigkeit und nachbarschaftlichem Zusammenhalt – beeinflussen kann. Je stärker Bewohner Veränderungen als Aufwertung für neue, zahlungskräftigere Gruppen empfinden, desto geringer fällt häufig das Gemeinschaftsgefühl aus. 

Diese Dynamik spiegelt sich auch in Gesprächen mit Anwohnern wider. Während viele die verbesserte Sicherheit, modernere Infrastruktur und das angenehmere Mikroklima positiv bewerten, äußern einige den Eindruck, dass wirtschaftliche Interessen dominieren. Eine junge Bewohnerin berichtet, dass sie ihre Nachbarn eigentlich nicht kennt, während ihre Mutter früher einen engen sozialen Kreis in der Nachbarschaft hatte. 

Solche Aussagen verdeutlichen, dass die städtische Erneuerung Hongkongs nicht nur Gebäude ersetzt, sondern auch alltägliche Beziehungen verändert.  So kann in einer Stadt, in der räumliche Nähe traditionell eng mit sozialen Netzwerken verbunden ist, der Verlust vertrauter Treffpunkte spürbare Auswirkungen auf das Gemeinschaftsgefühl haben. 

Kwun Tong ist somit beispielhaft für ein zentrales Dilemma der modernen Stadterneuerung: Die physische Aufwertung verbessert sichtbar die Lebensqualität und Sicherheit – auch im ökologischen Sinne – aber gleichzeitig stellt sich die Frage, wie etablierte soziale Strukturen in einem zunehmend ökonomisierten städtischen Raum erhalten bleiben können.

 

Quellen

Böhm, R. (2000). Englands Opiumkriege in China: Die Darstellungen und Voraussagungen von Karl Marx über die Kollision des konfuzianischen China mit der okzidentalen Kolonialexpansion (Unveröffentlichtes Manuskript). Universität Tübingen. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/43978/pdf/Opium.pdf 

He, S. Y., Tao, S., Cheung, Y. H. Y., & Puczkowskyj, N. (2021). Transit-oriented development, perceived neighbourhood gentrification and sense of community: A case study of Hong Kong. Case Studies on Transport Policy, 9(1). https://doi.org/10.1016/j.cstp.2021.02.010  

Tsang, C., & Hsu, L.-F. (2022). Beneath the appearance of state-led gentrification: The case of the Kwun Tong Town Centre redevelopment in Hong Kong. Land Use Policy, 116, Article 106054. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2022.106054 

Urban Renewal Authority. (n.d.). About us: Our mission and vision. https://www.ura.org.hk/en/about-ura 

Urban Renewal Authority. (2008). Kwun Tong Town Centre Project: Baseline study report. Urban Renewal Authority. 

Urban Renewal Authority. (2024). Kwun Tong Town Centre Project: Latest progress report (October 2024). Urban Renewal Authority. 

Yin, K., & Qian, J. (2018). From redevelopment to gentrification in Hong Kong: A case study of Kwun Tong Town Center project. Open House International, 43(3), 83–93. https://doi.org/10.1108/OHI-03-2018-B0010 

Lai, L. W. C., Chau, K. W., & Cheung, P. A. C. W. (2018). Urban renewal and redevelopment: Social justice and property rights with reference to Hong Kong’s constitutional capitalism. Cities, 74, 240–248. https://doi.org/10.1016/j.cities.2017.12.010 

 

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