Klimaanpassung in Burkina Faso – zwischen Überlebensstrategie und Zukunftsmodell
Burkina Faso, Sahel-Binnenstaat in Westafrika, steht exemplarisch für die strukturellen Herausforderungen vieler Staaten des Globalen Südens im Kontext des globalen Klimawandels: Das Land trägt mit äußerst geringen CO₂-Emissionen nur marginal zur Erderwärmung bei, ist jedoch in besonderem Maße von deren Folgen betroffen. Die Auswirkungen des Klimawandels in Burkina Fasos sind vielfältig: Zunehmend steigende Temperaturen, unregelmäßige und verschobene Regenzeiten, Zunahme der Intensivität von Regenfällen sowie von extremen Wetterereignissen wie beispielsweise Überflutungen, Starkwind, oder Sandstürme. (El Bilali, 2021).
Gleichzeitig birgt Burkina Faso enormes Potenzial für eine langfristige und nachhaltige Transformation bei der Klimaanpassung. Vor dem Hintergrund der immer spürbareren Auswirkungen des Klimawandels, unternimmt das Land vielfältige Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel, insbesondere durch die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft, den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Stärkung lokaler Resilienzstrukturen. Dabei stehen die Souveränität und das Wissen lokaler Akteure zunehmend im Fokus klima- und entwicklungspolitischer Strategien (Baumhauer, 2023).
Burkina Faso im Länderportrait: Geografie und klimatischen Bedingungen
Mit 23 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern (2023) erstreckt sich Burkina Faso von der Sahelzone im Norden bis hin zu den feuchteren Savannengebieten im Süden. Diese geografische Spannbreite bringt unterschiedliche klimatische Belastungen mit sich: Während der Norden unter extremer Trockenheit leidet, nehmen im Süden Starkregenereignisse und Bodenerosion zu (Baumhauer, 2023).
Der Klimawandel manifestiert sich in Burkina Faso unter anderem durch:
- einen Temperaturanstieg von durchschnittlich +1,2 °C in den letzten 50 Jahren (ICRC, 2023),
- zunehmende Desertifikation in nördlichen Provinzen wie Oudalan oder Soum,
- und eine kürzere, unregelmäßigere Regenzeit, die besonders die Subsistenzlandwirtschaft beeinträchtigt (IPCC, 2021)
Laut dem Klimarisiko-Index von Germanwatch zählt das Land zu weltweit am stärksten betroffenen Staaten, obwohl es selbst kaum zu den globalen Emissionen beiträgt.
Klimawandel als Multiplikator von Risiken
Über 80 % der Bevölkerung Burkina Fasos leben direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Diese ist jedoch hochgradig klimaabhängig. Dürreperioden, degradierte Gebiete und Wasserknappheit gefährden die Ernährungssicherheit.
Die nördlichen Regionen Burkina Fasos liegen am Rand der Sahelzone – einem Gebiet, das besonders stark unter Bodenerosion, Wasserknappheit und Versteppung leidet.
Etwa 34 % der gesamten Landesfläche gelten als degradiert (UNCCD, 2022). Die Folgen:
- Ernteausfälle und Hunger,
- Abwanderung aus Dörfern in überlastete Städte,
- Zunahme von Konflikten um Ressourcen wie Wasser und Weideland.
In Burkina Faso verstärken die Auswirkungen des Klimawandels bestehende strukturelle Krisen. Dürren, Starkregen und Hitzewellen setzen nicht nur der Landwirtschaft zu, sondern beeinträchtigen auch das städtische Leben. So führen fehlende Regenwasserableitung und unbefestigte Straßen regelmäßig dazu, dass Menschen ihre täglichen Aktivitäten unterbrechen müssen, besonders während extremer Wetterereignisse (Karambiri, 2024; AMMA-2050, 2023).
Der Klimawandel fungiert hier nicht als isolierte Bedrohung, sondern als „Multiplikator von Risiken“: Er verschärft Spannungen um knappe Ressourcen wie Wasser und Land und trifft eine Gesellschaft, die bereits unter Armut, gering ausgebauter Infrastruktur (wie beispielsweise Straßenbau, Sanitäranlagen, Gesundheitszentren etc.) und politischer Instabilität leidet (Brown, 2019; Lèye et al., 2021). Gleichzeitig steigt die Zahl der städtischen Bewohner*innen rasant, was unkontrollierte und kaum gemanagte Urbanisierung zur Folge hat (Anderson et al., 2023). Das Wohnungsangebot in Städten wird der zunehmenden städtischen Bevölkerung und der einhergehenden steigenden Nachfrage nach Wohnraum nicht gerecht, was durch einen Mangel an finanziellen Ressourcen für gerechten und bezahlbaren Wohnraum verstärkt wird (Ouedraogo et Sawadogo, 2022).
Zudem erhöht die rasante unkontrollierte Urbanisierung den Energieverbrauch in Städten und verstärkt den CO₂-Ausstoß. Informelle Siedlungen in Städten, unzureichende Infrastruktur und fehlende Grünflächen machen Städte wie die Hauptstadt Ouagadougou besonders anfällig für Hitzewellen und Überflutungen nach Starkregen. Hinzu kommt eine wenig beachtete, aber schwerwiegende Konsequenz: Die steigenden Temperaturen beeinträchtigen zunehmend auch das Bildungswesen. Viele Universitäten sowie Schulen (auf dem Land und in den Städten) verfügen weder über ausreichend Ventilation noch über Schutzmaßnahmen gegen Wetterextreme, was das Lernen, gerade in den heißesten Monaten, stark erschwert (Jenkins & Beardmore, 2024).
Zwischen 1994 und 2024 stieg die Durchschnittstemperatur in der Hauptstadt Ouagadougou von 27,5 °C auf 29,1 °C, während Starkniederschläge in kurzen Zeiträumen zunahmen (meteoblue, n.d.). Besonders der Monat August verzeichnete Regenmengen von bis zu 159 mm, verglichen mit nur 42 mm im Jahr 1985, mit direkten Folgen wie Überschwemmungen und Erdrutschen (AMMA-2050, 2023). Auch die landesweiten Treibhausgasemissionen sind gestiegen, von 34.971 auf 72.169 kt zwischen 1995 und 2017, vor allem durch Landwirtschaft und Entwaldung. Prognosen sehen diesen Wert bis 2030 bei über 100.000 kt (PNUD, 2022).
Im Kontext der Klimagerechtigkeit ist hervorzuheben, dass Burkina Faso in erheblichem Maße unter den Folgen des Klimawandels leidet, obwohl das Land selbst nur in äußerst geringem Maße zu den globalen CO₂-Emissionen beiträgt. Die Hauptverursacher der Klimakrise sind historisch und gegenwärtig primär die Industrieländer (Germanwatch, 2024).
Klimapolitik und Nachhaltiger Wandel in Burkina Faso – Chancen trotz Krisen
Trotz begrenzter finanzieller Mittel und instabiler von Militärputschen geprägter politischer Lage hat Burkina Faso in den letzten Jahren wichtige klimapolitische Weichen gestellt. Das Land verfolgt ambitionierte Ziele im Bereich Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung, nicht zuletzt im Rahmen internationaler Abkommen wie dem Pariser Klimaabkommen.
Auf lokaler Ebene hat Burkina Faso einen Nationalen Anpassungsplan (NAP) entwickelt, der Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Klimawandels koordiniert. Auch die National Determined Contributions (NDCs), die national festgelegten Klimaschutzbeiträge im Rahmen des Pariser Abkommens, wurden überarbeitet. Ziel ist es unter anderem:
- den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 50 % zu erhöhen,
- die CO₂-Emissionen signifikant zu reduzieren, insbesondere im Energiesektor,
- und die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber Klimarisiken zu stärken (UNFCCC, 2022)
Diese Pläne beinhalten unter anderem Aufforstungsmaßnahmen, Wasserschutzprogramme, ein stärkeres Monitoring der Klimadaten sowie den Ausbau nachhaltiger Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft.
Gleichzeitig werden auf lokaler Ebene im Bereich der Landwirtschaft zunehmend innovative Maßnahmen etabliert:
- Zai-Technik und Steinbarrieren verbessern die Bodenfeuchtigkeit,
- Agroforstsysteme kombinieren Bäume mit Feldfrüchten zur Wiederherstellung degradierter Böden,
- Wassermanagement-Projekte, etwa im Rahmen des „Projet d’Aménagement des Bassins Versants“, sorgen für eine effizientere Nutzung der spärlichen Wasserressourcen (FAO, 2023).
Diese Initiativen setzen bewusst auf partizipative Prozesse, in denen insbesondere lokale Akteur*innen aktiv für langfristige Wirkung und nachhaltige Transformation eingebunden werden (Weltbank, 2022).
Burkina Faso befindet sich im Spannungsfeld zwischen den vielfältigen und existenziellen Herausforderungen des Klimawandels und zukunftsweisenden Chancen für nachhaltige Transformation und Klimaanpassung. Letztere ist in Burkina Faso nicht nur eine Umweltmaßnahme, sondern Überlebensstrategie und Zukunftsmodell zugleich. Projekte zur Landwiederherstellung verbessern nicht nur die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung, sondern fördern auch gesellschaftlichen Zusammenhalt, lokales Wissen und nachhaltige Einkommensquellen. Besonders Frauen spielen in vielen der lokalen Initiativen eine Schlüsselrolle, etwa im Aufbau von Gemüsekooperativen, in der Saatgutproduktion oder in der Baumpflege.
Quellen
AMMA-2050. (2023). Évolution du climat futur et gestion des risques climatiques au Burkina Faso – Résultats de la recherche AMMA-2050. UK Centre for Ecology & Hydrology.
Anderson, B., R. Prieto-Curiel et J. Patiño (2023), « Formes urbaines et changement climatique en Afrique », Notes ouest-africaines, N°. 40, Éditions OCDE, Paris
Baumhauer, R. (2023). Böden, Bodenerosion und Desertifikation. In Die Physische Geographie Afrikas (pp. 145-171). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-67404-8_7
Brown, O. (2019). Dossier sur les risques entraînés par le climat et la fragilité: Afrique du Nord & Sahel. Berlin: Adelphi research gGmbH.
El Bilali, H. (2021). Climate change and agriculture in Burkina Faso. J. Arid. Agric, 7, 22-47.
FAO (2023): Land Degradation Assessment Burkina Faso. https://www.fao.org/in-action/action-against-desertification/countries/africa/burkina-faso/en/
Google Earth Pro zur Kartenerstellung. https://earth.google.com/intl/earth/versions/
Green Climate Fund / AfDB: Partnerprogramme mit Burkina Faso https://www.greenclimate.fund/countries/burkina-faso
ICRC (2023). Burkina Faso. Climate Fact Sheet. https://www.climatecentre.org/wp-content/uploads/RCCC-ICRC-Country-profiles-Burkina_Faso.pdf?utm_source=chatgpt.com
IPCC (2021). 6. Sachstandsbericht – Regionalkapitel Westafrika
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/chapter-9/
Jenkins, R., Beardmore, S. & Global Partnership. (2024, 6. Juni). Trop chaud pour apprendre : l’impact du changement climatique sur l’éducation.
Karambiri, F. T. (2024, November 27). Lutte contre le changement climatique : Le Burkina
Faso bénéficie de l’expertise Kenyane. Burkina24.com – Actualité Du Burkina Faso 24h/24. https://burkina24.com/2024/11/27/lutte-contre-le-changement-climatique-le-burkina-faso-beneficie-de -lexpertise-kenyane/
Legg, S. (2021). IPCC, 2021: Climate change 2021-the physical science basis. Interaction, 49(4), 44-45. https://search.informit.org/doi/abs/10.3316/informit.315096509383738
Lèye, B., Zouré, C. O., Yonaba, R., & Karambiri, H. (2021). Water resources in the Sahel and adaptation of agriculture to climate change: Burkina Faso. In Climate change and water resources in Africa: Perspectives and solutions towards an imminent water crisis (pp. 309-331). Cham: Springer International Publishing.
meteoblue ag (s.d.). Changement climatique Ouagadougou. https://www.meteoblue.com/fr/climate-change/ouagadougou_burkina-faso_2357048?month=8
Ouedraogo, R. U. E. & Sawadogo, S. (2022). La prospective de la gouvernance des territoires en Afrique face aux enjeux de développement durable: Offres de logements et étalement urbain à Ouagadougou (Burkina Faso). Le Journal Des Sciences Sociales, No Spécial 2022, ISSN 2073-9303.
Programme des Nations Unies pour le développement (PNUD) (2022). Rapport annuel 2021 – Burkina Faso. https://www.undp.org/sites/g/files/zskgke326/files/2022-08/undp-bf-rapport-annuel21-2022.pdf
UNCCD (2021). Country Profile Burkina Faso. Investing in Land Degradation Neutrality: Making the Case. An Overview of Indicators and Assessments. https://www.unccd.int/sites/default/files/inline-files/Burkina%20Faso.pdf
UNFCCC (2022). NDC Update Burkina Faso.https://unfccc.int/NDCREG
Weltbank (2022): Burkina Faso Climate and Development Report. https://climateknowledgeportal.worldbank.org/country/burkina-faso
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