Ein Policy Brief des Öko-Instituts im Auftrag des BMWK zeigt: Gesellschaftliche Zustimmung zu Klimaschutzmaßnahmen ist kein Zufallsprodukt – sondern das Ergebnis guter Gestaltung, kluger Kommunikation und frühzeitiger Beteiligung.
Krisenerschöpfung trifft auf Klimabereitschaft
Die Ausgangslage ist widersprüchlich: Der Klimawandel bleibt für eine klare Mehrheit der deutschen Bevölkerung ein wichtiges Thema – auf einer Skala von 0 bis 10 wählen 59 Prozent der Befragten die Werte 8 bis 10. Gleichzeitig haben Krisenerschöpfung und wachsender Zukunftspessimismus die Veränderungsbereitschaft gesunken. Das Vertrauen in Politik und Regierung, die Probleme zu lösen, befindet sich auf einem Tiefstand.
Und doch: Zwei Drittel der Bevölkerung empfinden die aktuelle Klima-, Energie- und Verkehrspolitik als „ungerecht“ – mit steigender Tendenz. Das ist kein Nein zum Klimaschutz. Es ist ein Nein zu schlecht gemachter Klimapolitik.
Genau hier setzt ein Policy Brief des Öko-Instituts an, der im Oktober 2024 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz erschienen ist. Die Autoren Dirk Arne Heyen und Lara Schmitt haben die sozialwissenschaftliche Forschungslage zu Akzeptanzfaktoren klimapolitischer Maßnahmen systematisch ausgewertet – und leiten daraus konkrete Empfehlungen für Politik, Verwaltung und beratende Akteure ab.
Drei Hebel für mehr Akzeptanz im Klimaschutz
Der Policy Brief strukturiert seine Empfehlungen entlang von drei Handlungsfeldern: Policy-Design, Kommunikation und Vorgehen.
1. Das richtige Instrument – und die richtige Ausgestaltung
Maßnahmen, die Infrastrukturen verbessern, Unternehmen adressieren oder Bürgerinnen und Bürgern positive Anreize setzen, stoßen grundsätzlich auf mehr Zustimmung als direkte Einschränkungen oder finanzielle Belastungen. Der ÖPNV-Ausbau etwa wird von rund 90 Prozent der Bevölkerung befürwortet; eine City-Maut lehnen über 50 Prozent ab.
Das bedeutet aber nicht: nur noch auf Förderung setzen. Denn zum Erreichen der Klimaziele braucht es auch sogenannte Push-Instrumente wie CO₂-Bepreisung oder Ordnungsrecht. Der Schlüssel liegt in ihrer Ausgestaltung:
- Finanzielle Überforderung vermeiden: Förderbedingungen müssen parallel zu Gesetzesvorschlägen erarbeitet und kommuniziert werden – wie beim Gebäudeenergiegesetz versäumt.
- Soziale Gerechtigkeit einbauen: 87 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, einkommensschwache Haushalte bei steigenden Klimaschutzkosten gezielt zu entlasten. Eine gezielte Rückverteilung wird als gerechter empfunden als eine gleichmäßige Pro-Kopf-Zahlung.
- Umsetzung erleichtern: Wenn die Autonutzung teurer wird, muss der ÖPNV attraktiver werden. Verhaltensänderung braucht Verhaltensalternativen.
- Selbstwirksamkeit stärken: Maßnahmen, die eigene Energieerzeugung fördern – etwa Balkonkraftwerke oder PV-Anlagen – sind besonders anschlussfähig. 79 Prozent der Befragten können sich vorstellen, eigene Energie zu erzeugen.
2. Kommunikation, die überzeugt – nicht polarisiert
65 Prozent der Bevölkerung finden, dass klimapolitische Maßnahmen nicht ausreichend erklärt werden. Gleichzeitig zeigt die Forschung: Allgemeine Klimawandelkommunikation bringt wenig. Was wirkt, sind konkrete Informationen zur jeweiligen Maßnahme – zu Wirksamkeit, Kosten, Verteilungseffekten und Verwendung der Einnahmen.
Darüber hinaus empfehlen Heyen und Schmitt:
- Co-Benefits in den Vordergrund stellen: Gesundheit, Energieunabhängigkeit, Arbeitsplätze und Lebensqualität überzeugen breiter als der reine Klimaschutznutzen – und das milieuübergreifend.
- Identitätsfallen meiden: Begriffe, die mit bestimmten sozialen Gruppen assoziiert werden, schließen andere aus. Stattdessen sollten verbindende Werte wie Gerechtigkeit oder Sicherheit betont werden.
- Mehrheiten sichtbar machen: Menschen unterschätzen systematisch, wie viel Zustimmung Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung genießen. Repräsentative Umfrageergebnisse aktiv zu kommunizieren, kann diese Fehlwahrnehmung korrigieren.
- Breite Akteursallianzen aufbauen: Kommunikation ist glaubwürdiger, wenn sie von Akteuren kommt, denen die Menschen vertrauen – lokale Handwerkerinnen und Handwerker etwa genießen bei Energiewendemaßnahmen besonders hohe Glaubwürdigkeit.
- Proaktiv kommunizieren: Wer wartet, bis andere den Diskurs besetzen, hat oft schon verloren. Frühzeitiges, faktenbasiertes Kommunizieren schützt auch vor Desinformationskampagnen.
3. Beteiligung und Timing: unterschätzte Faktoren
Das dritte Handlungsfeld ist wissenschaftlich am wenigsten erforscht – und in der Praxis am häufigsten vernachlässigt. Dabei zeigen die vorliegenden Befunde deutliche Wirkungen:
- Frühzeitige Bürgerbeteiligung erhöht die Akzeptanz – vorausgesetzt, Teilnahmeformate sind niedrigschwellig und die Einflussmöglichkeiten sind transparent.
- Testphasen wirken: Die Zustimmung zur Stockholmer City-Maut stieg im Zuge der Testphase um 18 Prozentpunkte – genug, um beim anschließenden Referendum eine Mehrheit zu sichern. Push-Instrumente stoßen nach ihrer Einführung häufig auf mehr Akzeptanz als davor.
- Timing nutzen: Nach Extremwetterereignissen, bei starker medialer Präsenz des Klimathemas oder in wirtschaftlich guten Zeiten sind Menschen offener für Klimaschutzmaßnahmen. Solche Gelegenheitsfenster sollten genutzt werden.
Fazit: Akzeptanz ist keine Frage der Überzeugungsarbeit – sondern des Designs
Der Policy Brief des Öko-Instituts macht deutlich: Akzeptanz lässt sich nicht durch Kommunikation erkaufen, wenn das Policy-Design grundlegende Gerechtigkeits- und Praktikabilitätsfragen unbeantwortet lässt. Wer Maßnahmen entwickelt, die finanziell nicht überfordern, soziale Bedarfe berücksichtigen und Beteiligung ermöglichen – und das frühzeitig und verständlich kommuniziert – schafft die Grundlage für demokratisch tragfähige Klimapolitik.
Für alle, die Klimaschutzmaßnahmen gestalten, beraten oder kommunizieren, bietet der vollständige Policy Brief von Heyen und Schmitt eine dichte, praxisorientierte Grundlage. Er ist frei verfügbar auf der Website des Öko-Instituts.
Quelle: Heyen, D. A. & Schmitt, L. (2024). Akzeptanzfaktoren klimapolitischer Maßnahmen. Synthese politisch relevanter Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen. Öko-Institut e.V., im Auftrag des BMWK.
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