Klimagewissen: Warum Klimaschutz Hand und Fuß haben muss

Als Wirtschaftsjournalist schreibe ich für bekannte Zeitungen, Magazine und Firmenpublikationen. Meine Auftraggeber profitieren von meiner Erfahrung, denn das Geschäft der Medien kenne ich seit vielen Jahren. Ich war Gründungsmitglied der Financial Times Deutschland, für die ich sieben Jahre als Korrespondent aus Paris und London berichtet habe. Mein Studium habe ich als Diplom-Kaufmann abgeschlossen und mehrere Jahre Medienarbeit für die Bundeswehr betrieben. Ich bin Absolvent der Journalistenschule Axel Springer und wurde unter anderem mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Als Autor interessieren mich besonders die Menschen hinter meinen Geschichten. Über sie schreibe ich am liebsten – präzise, spannend und einfühlsam.

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Handabdruck

Seit Jahren lernen wir, unseren persönlichen CO2-Ausstoß klein zu halten. Meist geht es um Verzicht. Dabei gibt es viel wirkungsvollere Hebel für mehr Klimaschutz – wie das Konzept des Handabdrucks belegt.

Ich bin vor kurzem aus dem Urlaub zurückgekehrt und habe nun ein schlechtes Gewissen. Denn ich bin ins ferne Albanien gereist, habe Kaffee aus Einwegbechern getrunken, mindestens zwei Mal den Hotelaufzug genommen und in der Ferienwohnung die Klimaanlage eingeschaltet. Außerdem habe ich mir am Markt Früchte in eine Plastiktüte packen lassen und in einem Restaurant Fleisch gegessen, obwohl ich doch vegetarisch leben wollte. Und dann habe ich mir im Überschwang noch ein T-Shirt gekauft, das ich zu Hause nur anziehen kann, wenn mich niemand sieht. Kurzum: Ich habe es wieder nicht geschafft, mich im Urlaub konsequent klimabewusst zu verhalten.

Jetzt frage ich mich, ob ich mit meinem Verhalten jedes Recht verwirkt habe, bei meinen Mitmenschen für mehr Klimaschutz zu werben? Muss ich bei Familienfesten schweigen, wenn Onkel Kurt auf die Windkraft schimpft? Kann ich anderen empfehlen, im Bioladen einzukaufen? Und darf ich weiterhin Kolumnen für den Blog der Stiftung Energie & Klimaschutz schreiben? Wer Maßstäbe aufstellt, muss sie doch auch auf das eigene Handeln anwenden.

Sind Klimawandelleugner sympathisch?

Grundsätzlich ist es richtig, im Kleinen zu praktizieren, was wir im Großen fordern. Im Realititätscheck ist dieser Anspruch allerdings problematisch. Denn wenn es so wäre, müssten wir eine Naturschützerin verdammen, die bei Rewe die eingeflogene Avocado im Jutebeutel versteckt und Respekt für den Klimawandelleugner haben, der zum Shopping für zwei Tage nach Dubai düst. Schließlich lebt er genau das, was er vertritt.

Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, persönliche Konsequenz zum Maßstab für glaubwürdigen Klimaschutz zu machen. Zumal unserem Handeln Grenzen gesetzt sind: Wenn wir das Auto abschaffen, die Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen, 100 Prozent Ökostrom beziehen, kein Fleisch mehr essen, nicht mehr fliegen und unsere Kleidung aus dem Second-Hand-Läden tragen, bis sie sich auflöst, dann können wir unseren CO2-Fußabdruck zwar senken. Von der Null bleiben wir aber weit entfernt.

Wir besuchen Schulen und Universitäten, nutzen Krankenhäuser, sitzen in Büros oder fahren in Bussen, die alle oft noch auf fossile  Brennstoffe angewiesen sind. Im Durchschnitt steht eine in Deutschland lebende Person für einen Fußabdruck von rund sieben Tonnen CO2 pro Jahr. Im ostafrikanischen Malawi kämen wir auf gerade mal 0,21 Tonnen.

Wie schädlich sind Plastiktüten?

Wer sich für das Allgemeinwohl einschränkt, aber täglich zusehen muss, wie Regierungen, Unternehmen und Mitmenschen einfach weitermachen wie bisher, verliert irgendwann die Zuversicht, überhaupt etwas bewirken zu können.

Heimo Fischer

Fußabdruck von rund sieben Tonnen CO2 pro Jahr. Im ostafrikanischen Malawi kämen wir auf gerade mal 0,21 Tonnen.

 

Wie schädlich sind Plastiktüten?

Hinzu kommt, dass Selbstgeißelung sehr schnell in Frustration umschlagen kann. Wer sich für das Allgemeinwohl einschränkt, aber täglich zusehen muss, wie Regierungen, Unternehmen und Mitmenschen einfach weitermachen wie bisher, verliert irgendwann die Zuversicht, überhaupt etwas bewirken zu können.

Klimagerechtes Verhalten kann im Alltag nämlich sehr anstrengend sein. Der Publizist Gabriel Baunach macht das in seinem Buch „Hoch die Hände Klimawende“ an einem einfachen Beispiel deutlich. Er fragt, wie sich ein Konsument im Supermarkt verhalten soll, der Tomaten kaufen will. Soll er die losen Tomaten nehmen, die konventionell gewachsen sind, aber aus der Region kommen? Oder soll er sich für die Biotomaten entscheiden – die jedoch in Plastik verpackt sind und aus Marokko importiert wurden?

Beim täglichen Einkauf stets die richtige Entscheidung zu treffen, überfordert die meisten Menschen. Zumal es laut Baunach auch Missverständnisse gibt. So gelten Plastiktüten als Klimakiller. In Wirklichkeit werde durch Produktion und Verwendung von Kunststoffverpackungen vergleichsweise wenig CO2 ausgestoßen, rechnet der Autor vor.

Kein Plastik mehr zu benutzen, das ist laut einer repräsentativen Kearney-Umfrage von 2019 die am meisten überschätzte Maßnahme um CO2-Emssionen zu vermindern. Kunststoff entfaltet seine zerstörende Wirkung auf andere Weise – vor allem dann, wenn er nicht verbrannt, sondern achtlos weggeworfen wird, um schließlich in Flüssen und den Weltmeeren zu landen.

Türkei oder Amrum – eine Frage des Geldes

Baunach kommt zu dem Schluss, dass die gesamtgesellschaftlichen und strukturellen Probleme der Klimakrise zu groß sind, um sie mit privaten Konsumentscheidungen zu lösen. Zumal diese viel Geld kosten. Ökologisch verantwortungsvolles Handeln ist oft teurer und für Menschen mit niedrigem Einkommen kaum umzusetzen – egal, ob es um Lebensmittel, Kleidung oder Urlaub geht. Eine Woche Türkei ist inklusiv Flug nun mal günstiger als eine Woche Amrum mit Zug und Fähre.

Zudem besteht der Verdacht, dass die Schuldzuweisung an Privatleute den Interessen der großen Klimaverschmutzer zugutekommt. So wurde der Begriff des  ökologischen Fußabdrucks von den Umweltforschern William Rees und Mathis Wackernagel in den 1990er Jahren entwickelt. Später trug aber der Ölkonzern BP dazu bei, den persönlichen CO2-Fußabdruck als Maßstab individuellen Klimaverhaltens populär zu machen – im Rahmen einer millionenschweren Imagekampagne. Kritiker sehen darin eine Verschiebung der Verantwortung von fossilen Produzenten auf die Verbraucher. Aus einem strukturellen Problem wurde eine Frage des individuellen moralischen Verhaltens.

Um es klar zu sagen: Niemand soll davon abgehalten werden, sich klimafreundlich zu verhalten und natürlich ist jede Tonne fossiles CO2, die weniger emittiert wird, wichtig. Richtig ist auch, dass Verbraucher ihre Macht ausspielen können. Aber die Klimakrise ist dadurch nicht zu lösen. Provozierend ausgedrückt: Wenn die Erde brennt und die Gletscher schmelzen, ist das Ohrenstäbchen aus Holz dann tatsächlich das Mittel der Wahl?

Diese Frage haben sich gemeinnützige Umweltorganisationen wie German Watch schon vor einiger Zeit gestellt. Ihr Konzept besagt: Statt uns nur durch Verzicht zu beschränken, sollten wir politische und gesellschaftliche Hebel bewegen, um nachhaltiges Handeln für alle zum Standard zu machen. Nur auf diese Weise lässt sich auch der Fußabdruck zielführend verringern.

Das Konzept des Handabdrucks

Ein großer Handabdruck sollte keinesfalls als Entschuldigung für eine klimaschädliche Lebensweise herhalten. Mit anderen Worten: Ein bisschen schlechtes Gewissen kann auch nicht schaden.

Heimo Fischer

Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Strukturen unserer Gesellschaft nachhaltiges Verhalten erschweren. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Bus 40 Minuten für eine Strecke braucht, die ein Auto in zehn Minuten zurücklegt, im Supermarkt kaum regionale Produkte zu finden sind oder die Kantine als vegetarisches Gericht nur Matschnudeln mit roter Soße anbietet.

An dieser Stelle kommt der Begriff des Handabdrucks ins Spiel. Der Ansatz geht davon aus, dass sich gesellschaftliche Missstände, die dem Klima schaden, ändern lassen. Und zwar nicht, in dem man seine Energie schon mit der Suche nach Bienenwachstüchern und Bambus-Zahnbürste verballert, sondern, indem man Wege findet, die Gesellschaft so zu beeinflussen, dass auch andere klimafreundlich handeln. Dadurch kann der Einzelne mehr Wirkung erzielen als allein durch seine Konsumentscheidungen.

Wer zum Beispiel täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, verkleinert nur seinen persönlichen Fußabdruck. Überzeugt er jedoch seinen Arbeitgeber, ein System mit Firmen-Bikes aufzubauen, lässt sich eine vielfache Wirkung erzielen. Weil  künftig 500 Menschen mit dem eigenen Rad kommen.

Gerade am Arbeitsplatz kann es noch mehr Möglichkeiten geben, einen umfassenden Handabdruck zu hinterlassen. Zum Beispiel durch eine Initiative, in der Kantine mehrere leckere vegetarische Gerichte anzubieten oder eine PV-Anlage auf dem Firmendach anzuregen, die einen Teil des Stroms für die Produktion erzeugt.

Der Handabdruck lässt sich auch durch politische Einflussnahme vergrößern. Wer in einer Partei oder Bürgerinitiative zu einer positiven Entscheidung über ein Wärmenetz, einen Radweg oder ein Windrad beiträgt, der beeinflusst potenziell Tausende Menschen.

Auch der eigene Beruf kann ein Hebel sein. Wer in den Medien, an Schulen, im Einkauf oder in der Stadtplanung tätig ist, kann Klimaschutz in Beschlüsse integrieren, die weit über den eigenen Haushalt hinausreichen.

In der Energiebranche, der Klimawissenschaft oder der Gebäudetechnik gibt es ebenfalls Wege, Fachwissen breit zu streuen. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Stiftung Energie & Klimaschutz ständig Fachleute sucht, die mit einem eigenen Gastbeitrag die Diskussion über eine nachhaltige Zukunft bereichern.

Es existieren eine Menge Möglichkeiten, den Handabdruck für eine klimafreundliche Zukunft zu vergrößern. Dabei gilt es allerdings zu beachten: Ein großer Handabdruck sollte keinesfalls als Entschuldigung für eine klimaschädliche Lebensweise herhalten. Mit anderen Worten: Ein bisschen schlechtes Gewissen kann auch nicht schaden.

Sie wollen ihren Handabdruck vergrößern und einen Gastbeitrag für uns schreiben? Dann finden Sie hier alle Informationen für Gastautoren.

 Buchtipp: Gabriel Baunach: „Hoch die Hände, Klimawende!“ EMF-Verlag

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