Burkina Faso im Klimawandel: Der Alltag zwischen Hitze, Hoffnung und Mobilität
Die Energie-Reporterin Antonia Kambouris berichtet für die Stiftung Energie und Klimaschutz aus Burkina Faso.Burkina Faso, Sahel-Binnenstaat in Westafrika, steht exemplarisch für die strukturellen Herausforderungen vieler Staaten des Globalen Südens im Kontext des globalen Klimawandels: Das Land trägt mit äußerst geringen CO₂-Emissionen nur marginal zur Erderwärmung bei, ist jedoch in besonderem Maße von deren Folgen betroffen. Die Auswirkungen des Klimawandels in Burkina Fasos sind vielfältig: Zunehmend steigende Temperaturen, unregelmäßige und verschobene Regenzeiten, Zunahme der Intensivität von Regenfällen sowie von extremen Wetterereignissen wie beispielsweise Überflutungen, Starkwind, oder Sandstürme. (El Bilali, 2021).
Gleichzeitig birgt Burkina Faso enormes Potenzial für eine langfristige und nachhaltige Transformation bei der Klimaanpassung. Vor dem Hintergrund der immer spürbareren Auswirkungen des Klimawandels, unternimmt das Land vielfältige Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel, insbesondere durch die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft, den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Stärkung lokaler Resilienzstrukturen. Dabei stehen die Souveränität und das Wissen lokaler Akteure zunehmend im Fokus klima- und entwicklungspolitischer Strategien (Baumhauer, 2023).
Burkina Faso im Länderportrait: Geografie und klimatischen Bedingungen
Mit 23 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern (2023) erstreckt sich Burkina Faso von der Sahelzone im Norden bis hin zu den feuchteren Savannengebieten im Süden. Diese geografische Spannbreite bringt unterschiedliche klimatische Belastungen mit sich: Während der Norden unter extremer Trockenheit leidet, nehmen im Süden Starkregenereignisse und Bodenerosion zu (Baumhauer, 2023).
Der Klimawandel manifestiert sich in Burkina Faso unter anderem durch:
- einen Temperaturanstieg von durchschnittlich +1,2 °C in den letzten 50 Jahren (ICRC, 2023),
- zunehmende Desertifikation in nördlichen Provinzen wie Oudalan oder Soum,
- und eine kürzere, unregelmäßigere Regenzeit, die besonders die Subsistenzlandwirtschaft beeinträchtigt (IPCC, 2021)
Laut dem Klimarisiko-Index von Germanwatch zählt das Land zu weltweit am stärksten betroffenen Staaten, obwohl es selbst kaum zu den globalen Emissionen beiträgt
Klimawandel als Multiplikator von Risiken
Über 80 % der Bevölkerung Burkina Fasos leben direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Diese ist jedoch hochgradig klimaabhängig. Dürreperioden, degradierte Gebiete und Wasserknappheit gefährden die Ernährungssicherheit.
Die nördlichen Regionen Burkina Fasos liegen am Rand der Sahelzone – einem Gebiet, das besonders stark unter Bodenerosion, Wasserknappheit und Versteppung leidet.
Etwa 34 % der gesamten Landesfläche gelten als degradiert (UNCCD, 2022). Die Folgen:
- Ernteausfälle und Hunger,
- Abwanderung aus Dörfern in überlastete Städte,
- Zunahme von Konflikten um Ressourcen wie Wasser und Weideland.
In Burkina Faso verstärken die Auswirkungen des Klimawandels bestehende strukturelle Krisen. Dürren, Starkregen und Hitzewellen setzen nicht nur der Landwirtschaft zu, sondern beeinträchtigen auch das städtische Leben. So führen fehlende Regenwasserableitung und unbefestigte Straßen regelmäßig dazu, dass Menschen ihre täglichen Aktivitäten unterbrechen müssen, besonders während extremer Wetterereignisse (Karambiri, 2024; AMMA-2050, 2023).
Der Klimawandel fungiert hier nicht als isolierte Bedrohung, sondern als „Multiplikator von Risiken“: Er verschärft Spannungen um knappe Ressourcen wie Wasser und Land und trifft eine Gesellschaft, die bereits unter Armut, gering ausgebauter Infrastruktur (wie beispielsweise Straßenbau, Sanitäranlagen, Gesundheitszentren etc.) und politischer Instabilität leidet (Brown, 2019; Lèye et al., 2021). Gleichzeitig steigt die Zahl der städtischen Bewohner*innen rasant, was unkontrollierte und kaum gemanagte Urbanisierung zur Folge hat (Anderson et al., 2023). Das Wohnungsangebot in Städten wird der zunehmenden städtischen Bevölkerung und der einhergehenden steigenden Nachfrage nach Wohnraum nicht gerecht, was durch einen Mangel an finanziellen Ressourcen für gerechten und bezahlbaren Wohnraum verstärkt wird (Ouedraogo et Sawadogo, 2022).
Zudem erhöht die rasante unkontrollierte Urbanisierung den Energieverbrauch in Städten und verstärkt den CO₂-Ausstoß. Informelle Siedlungen in Städten, unzureichende Infrastruktur und fehlende Grünflächen machen Städte wie die Hauptstadt Ouagadougou besonders anfällig für Hitzewellen und Überflutungen nach Starkregen. Hinzu kommt eine wenig beachtete, aber schwerwiegende Konsequenz: Die steigenden Temperaturen beeinträchtigen zunehmend auch das Bildungswesen. Viele Universitäten sowie Schulen (auf dem Land und in den Städten) verfügen weder über ausreichend Ventilation noch über Schutzmaßnahmen gegen Wetterextreme, was das Lernen, gerade in den heißesten Monaten, stark erschwert (Jenkins & Beardmore, 2024).
Zwischen 1994 und 2024 stieg die Durchschnittstemperatur in der Hauptstadt Ouagadougou von 27,5 °C auf 29,1 °C, während Starkniederschläge in kurzen Zeiträumen zunahmen (meteoblue, n.d.). Besonders der Monat August verzeichnete Regenmengen von bis zu 159 mm, verglichen mit nur 42 mm im Jahr 1985, mit direkten Folgen wie Überschwemmungen und Erdrutschen (AMMA-2050, 2023). Auch die landesweiten Treibhausgasemissionen sind gestiegen, von 34.971 auf 72.169 kt zwischen 1995 und 2017, vor allem durch Landwirtschaft und Entwaldung. Prognosen sehen diesen Wert bis 2030 bei über 100.000 kt (PNUD, 2022).
Im Kontext der Klimagerechtigkeit ist hervorzuheben, dass Burkina Faso in erheblichem Maße unter den Folgen des Klimawandels leidet, obwohl das Land selbst nur in äußerst geringem Maße zu den globalen CO₂-Emissionen beiträgt. Die Hauptverursacher der Klimakrise sind historisch und gegenwärtig primär die Industrieländer (Germanwatch, 2024).
Klimapolitik und Nachhaltiger Wandel in Burkina Faso – Chancen trotz Krisen
Trotz begrenzter finanzieller Mittel und instabiler von Militärputschen geprägter politischer Lage hat Burkina Faso in den letzten Jahren wichtige klimapolitische Weichen gestellt. Das Land verfolgt ambitionierte Ziele im Bereich Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung, nicht zuletzt im Rahmen internationaler Abkommen wie dem Pariser Klimaabkommen.
Auf lokaler Ebene hat Burkina Faso einen Nationalen Anpassungsplan (NAP) entwickelt, der Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Klimawandels koordiniert. Auch die National Determined Contributions (NDCs), die national festgelegten Klimaschutzbeiträge im Rahmen des Pariser Abkommens, wurden überarbeitet. Ziel ist es unter anderem:
- den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 50 % zu erhöhen,
- die CO₂-Emissionen signifikant zu reduzieren, insbesondere im Energiesektor,
- und die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber Klimarisiken zu stärken (UNFCCC, 2022)
Diese Pläne beinhalten unter anderem Aufforstungsmaßnahmen, Wasserschutzprogramme, ein stärkeres Monitoring der Klimadaten sowie den Ausbau nachhaltiger Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft.
Gleichzeitig werden auf lokaler Ebene im Bereich der Landwirtschaft zunehmend innovative Maßnahmen etabliert:
- Zai-Technik und Steinbarrieren verbessern die Bodenfeuchtigkeit,
- Agroforstsysteme kombinieren Bäume mit Feldfrüchten zur Wiederherstellung degradierter Böden,
- Wassermanagement-Projekte, etwa im Rahmen des „Projet d’Aménagement des Bassins Versants“, sorgen für eine effizientere Nutzung der spärlichen Wasserressourcen (FAO, 2023).
Diese Initiativen setzen bewusst auf partizipative Prozesse, in denen insbesondere lokale Akteur*innen aktiv für langfristige Wirkung und nachhaltige Transformation eingebunden werden (Weltbank, 2022).
Burkina Faso befindet sich im Spannungsfeld zwischen den vielfältigen und existenziellen Herausforderungen des Klimawandels und zukunftsweisenden Chancen für nachhaltige Transformation und Klimaanpassung. Letztere ist in Burkina Faso nicht nur eine Umweltmaßnahme, sondern Überlebensstrategie und Zukunftsmodell zugleich. Projekte zur Landwiederherstellung verbessern nicht nur die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung, sondern fördern auch gesellschaftlichen Zusammenhalt, lokales Wissen und nachhaltige Einkommensquellen. Besonders Frauen spielen in vielen der lokalen Initiativen eine Schlüsselrolle, etwa im Aufbau von Gemüsekooperativen, in der Saatgutproduktion oder in der Baumpflege.
Quellen
AMMA-2050. (2023). Évolution du climat futur et gestion des risques climatiques au Burkina Faso – Résultats de la recherche AMMA-2050. UK Centre for Ecology & Hydrology.
Anderson, B., R. Prieto-Curiel et J. Patiño (2023), « Formes urbaines et changement climatique en Afrique », Notes ouest-africaines, N°. 40, Éditions OCDE, Paris
Baumhauer, R. (2023). Böden, Bodenerosion und Desertifikation. In Die Physische Geographie Afrikas (pp. 145-171). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-67404-8_7
Brown, O. (2019). Dossier sur les risques entraînés par le climat et la fragilité: Afrique du Nord & Sahel. Berlin: Adelphi research gGmbH.
El Bilali, H. (2021). Climate change and agriculture in Burkina Faso. J. Arid. Agric, 7, 22-47.
FAO (2023): Land Degradation Assessment Burkina Faso. https://www.fao.org/in-action/action-against-desertification/countries/africa/burkina-faso/en/
Google Earth Pro zur Kartenerstellung. https://earth.google.com/intl/earth/versions/
Green Climate Fund / AfDB: Partnerprogramme mit Burkina Faso https://www.greenclimate.fund/countries/burkina-faso
ICRC (2023). Burkina Faso. Climate Fact Sheet. https://www.climatecentre.org/wp-content/uploads/RCCC-ICRC-Country-profiles-Burkina_Faso.pdf?utm_source=chatgpt.com
IPCC (2021). 6. Sachstandsbericht – Regionalkapitel Westafrika
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/chapter-9/
Jenkins, R., Beardmore, S. & Global Partnership. (2024, 6. Juni). Trop chaud pour apprendre : l’impact du changement climatique sur l’éducation.
Karambiri, F. T. (2024, November 27). Lutte contre le changement climatique : Le Burkina
Faso bénéficie de l’expertise Kenyane. Burkina24.com – Actualité Du Burkina Faso 24h/24. https://burkina24.com/2024/11/27/lutte-contre-le-changement-climatique-le-burkina-faso-beneficie-de -lexpertise-kenyane/
Legg, S. (2021). IPCC, 2021: Climate change 2021-the physical science basis. Interaction, 49(4), 44-45. https://search.informit.org/doi/abs/10.3316/informit.315096509383738
Lèye, B., Zouré, C. O., Yonaba, R., & Karambiri, H. (2021). Water resources in the Sahel and adaptation of agriculture to climate change: Burkina Faso. In Climate change and water resources in Africa: Perspectives and solutions towards an imminent water crisis (pp. 309-331). Cham: Springer International Publishing.
meteoblue ag (s.d.). Changement climatique Ouagadougou. https://www.meteoblue.com/fr/climate-change/ouagadougou_burkina-faso_2357048?month=8
Ouedraogo, R. U. E. & Sawadogo, S. (2022). La prospective de la gouvernance des territoires en Afrique face aux enjeux de développement durable: Offres de logements et étalement urbain à Ouagadougou (Burkina Faso). Le Journal Des Sciences Sociales, No Spécial 2022, ISSN 2073-9303.
Programme des Nations Unies pour le développement (PNUD) (2022). Rapport annuel 2021 – Burkina Faso. https://www.undp.org/sites/g/files/zskgke326/files/2022-08/undp-bf-rapport-annuel21-2022.pdf
UNCCD (2021). Country Profile Burkina Faso. Investing in Land Degradation Neutrality: Making the Case. An Overview of Indicators and Assessments. https://www.unccd.int/sites/default/files/inline-files/Burkina%20Faso.pdf
UNFCCC (2022). NDC Update Burkina Faso.https://unfccc.int/NDCREG
Weltbank (2022): Burkina Faso Climate and Development Report. https://climateknowledgeportal.worldbank.org/country/burkina-faso
Vom Betroffenen zum Vorreiter? Aktuelle Energiesituation und Zukunftsvision
In der internationalen Debatte über die Energiewende dominieren häufig die Perspektiven des Globalen Nordens: grüne Technologien, Wasserstoff, E-Mobilität, Pariser-Klimaziele. Doch in vielen Ländern des Globalen Südens stellt sich die Frage nicht nur nach der Art der Energiequelle, sondern viel grundlegender nach der Gewährleistung eines gerechten Energiezugangs sowie einer gerechten Finanzierung. Burkina Faso steht exemplarisch für diese strukturelle Herausforderung.
Ein rein technischer Blick auf Energie greift zu kurz. Die Debatte um Energieversorgung und -gerechtigkeit ist untrennbar mit politischen und historischen Kontexten verknüpft. Energiearmut stellt dabei keineswegs einen naturgegebenen Zustand dar, sondern ist Ausdruck struktureller Ungleichheiten, die sich aus kolonialen Kontinuitäten, asymmetrischen Handelsbeziehungen und institutionellen Abhängigkeiten herausgebildet haben und bis in die Gegenwart fortwirken. In diesem Sinne ist der eingeschränkte Zugang zu Energie in Burkina Faso weniger Resultat technischer Defizite im Land als vielmehr Manifestation persistenter globaler Machtverhältnisse, die nationale Handlungsspielräume in der Gestaltung einer souveräner Energiepolitik einschränken.
„Energiearmut“ als Symptom einer strukturellen Ungleichheit
Nach Angaben der Agence Burkinabè de l’Électrification Rurale (ABER) hatten 2022 lediglich rund 19 % der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Strom. Landesweit liegt die Elektrifizierungsquote bei etwa 30 % – mit deutlichen Disparitäten zwischen Stadt und Land (ABER 2022).
Die Ursachen:
- hohe Kosten für Netzerweiterung in dünn besiedelten Regionen,
- starke Abhängigkeit von importiertem Diesel und fossilen Brennstoffen
- unzureichende Investitionen in die Energieinfrastruktur
Gleichzeitig hat die Nutzung traditioneller Biomasse (Holz, Holzkohle) negative Folgen: gesundheitliche Belastungen, fortschreitende Entwaldung und Landdegradierung.
Stromausfälle gehören in vielen Regionen in Burkina Faso zum Alltag, selbst in urbanen Zentren wie der Hauptstadt Ouagadougou. Die Strompreise zählen zu den höchsten in Westafrika, während gleichzeitig ein Großteil der Energie importiert wird. Betroffen sind besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die das wirtschaftliche Rückgrat des Landes bilden. Sie tragen etwa 60 % zum BIP bei und stellen rund 70 % der Arbeitsplätze – doch ohne stabile Energieversorgung bleiben ihre Potenziale systematisch eingeschränkt (Inoussa et al., 2018).
Der eingeschränkte Zugang zu Energie ist kein isoliertes Phänomen, sondern Folge historisch gewachsener Abhängigkeiten, die in vielen Formen fortbestehen, sei es durch den Import teurer fossiler Brennstoffe, die Konditionen internationaler Entwicklungszusammenarbeit oder die fehlende technologische Eigenständigkeit bei der praktischen Umsetzung von Energielösungen.
Graphik: LowCarbonPower, 2023: Elektrizität in Burkina Faso im Jahr 202, https://lowcarbonpower.org/de/region/Burkina_Faso
Graphik: LowCarbonPower, 2023: Gesamtproduktion der elektrischen Energie
in Burkina Faso
Energieeffizienz: Lösung für die strukturellen Herausforderungen?
Angesichts der Energieengpässe erscheint die Förderung von Energieeffizienz als naheliegender Hebel. Doch auch hier zeigt sich, wie stark lokale Handlungsmöglichkeiten durch systemische Hürden eingeschränkt sind. Eine Untersuchung der burkinischen Handelskammer belegt, dass Unternehmen vor allem an fehlendem Wissen über Einsparpotenziale, einem Mangel an verlässlichen Anbietern und hohen Kosten der Informationsbeschaffung scheitern. Hinzu kommen unternehmensinterne Faktoren wie Größe, Alter und Standort, die maßgeblich über Investitionsentscheidungen bestimmen (Inoussa et al., 2018).
Die Vorstellung, Energieeffizienz sei lediglich eine Frage der richtigen Technologie oder des guten Willens, greift zu kurz. Es braucht Zugang zu Wissen, Infrastruktur, Finanzierung – und vor allem: politische Selbstbestimmung. Denn solange zentrale Technologien, Expertise und Fördermittel von außen abhängig sind, bleibt die Frage, für wen diese Effizienzgewinne tatsächlich wirken.
Politische Ambitionen und die Fallstricke der Entwicklungszusammenarbeit
Die Regierung Burkina Fasos hat im Rahmen des nationalen Entwicklungsplans PNDES ambitionierte Ziele formuliert: Verbesserung des Zugangs zu Energiedienstleistungen, Stärkung der Energieeffizienz, Förderung erneuerbarer Energien. So zeigt beispielsweise die Gründung nationaler Institutionen wie der L’Agence Nationale des Energies Renouvables et de l’Efficacité (ANEREE) den politischen Willen zu erneuerbaren Energien.
Doch zwischen Plan und Realität bleiben die strukturelle Herausforderungen, nicht zuletzt, weil viele Energie-Programme durch internationale Geber bestimmt werden. In der Praxis bedeutet das: Die nationale Energiestrategie ist eingebettet in geopolitische Interessen globaler Mächte, Ausschreibungen westlicher Technologieanbieter und kapitalgetriebene Logiken. Was als „Partnerschaft“ etikettiert wird, reproduziert häufig neokoloniale Abhängigkeiten und blockiert lokale und eigenständige Innovationspotenziale (Faso, n.d.).
Erneuerbare Energien: Potenziale ja, aber für wen?
Burkina Faso verfügt über ein großes Potenzial für erneuerbare Energien, insbesondere im Bereich der Solarenergie. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass viele Straßen in und umstädtische Gebiete bereits vollständig mit Solarlaternen ausgestattet sind.
Dezentral organisierte Photovoltaiksysteme und Mikronetze könnten auch in ländlichen Regionen den Energiezugang stärken. Doch auch hier lohnt ein kritischer Blick: Wer liefert die Technologie? Wer profitiert wirtschaftlich vom Ausbau? Und wie nachhaltig ist das Ganze wirklich, wenn die eingesetzten Batteriespeicher (häufig aus dem Ausland importiert) schwer recycelbar sind und keine lokale Wertschöpfung erzeugen? Auch die viel gelobten Lithium-Ionen-Batterien sind keine Allheilmittel, sondern bringen neue Rohstoffabhängigkeiten mit sich, beispielsweise im Kobalt- und Lithiumabbau, der selbst oft unter ökologisch wie sozial fragwürdigen Bedingungen stattfindet (Zoma, 2024; Zagare et al., n.d.)
Klimagerechtigkeit bedeutet nicht nur CO₂-Vermeidung, sondern auch die Frage: Wie können Technologien so eingesetzt werden, dass sie lokale Bedürfnisse priorisieren und nicht lediglich den Export grüner Lösungen ausländischer Unternehmen in den Markt befördern?
Energiespeicher: Innovations-Potenzial oder neue Abhängigkeit?
Speicherlösungen sind ein zentraler Bestandteil einer dezentralen Energiezukunft, da sie Sonnenenergie auch abends nutzbar machen, die Netzstabilität verbessern und Versorgungssicherheit schaffen. In ländlichen Elektrifizierungsprojekten zeigen sie bereits Wirkung: Licht, Kühlung, wirtschaftliche Aktivitäten sind möglich geworden, wo zuvor Dunkelheit herrschte (Zoma, 2024).
Doch auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist keine rein technische Frage. Die hohen Anschaffungskosten, fehlende Wartungskompetenz, kurze Lebenszyklen (v. a. bei Blei-Säure-Batterien) und mangelnde Recyclingsysteme werfen erhebliche Fragen auf. Hinzu kommt: Wer kontrolliert die Verbreitung und den Zugang zu diesen Systemen? Wie können lokale Reparatur- und Produktionskapazitäten aufgebaut werden?
Solange diese Technologien nicht in lokale Kontexte eingebettet und von der Bevölkerung selbst getragen werden, bleiben sie oberflächliche Lösungen mit begrenzter Transformationskraft.
Von der Energiekrise zur Energie-Souveränität
Die Transformation der burkinischen Energieversorgung darf nicht nur als technische Aufgabe begriffen werden, sondern sollte als Frage der gerechten Machtverteilung Einzug in globale Klimadebatten finden. Die Vorstellung, Burkina Faso könne die Erfolgsmodelle Europas oder Chinas übernehmen, ignoriert historische Ungleichgewichte. Es braucht Raum für eigenständige, kontextgerechte Lösungen, getragen von lokalen Akteur*innen, unterstützt von solidarischen, nicht-dominierenden Partnerschaften.
Viele Länder des Globalen Südens, wie Burkina Faso, tragen kaum zur Erderhitzung bei, leiden jedoch am stärksten unter den Folgen des Klimawandels. Verantwortlich dafür sind vor allem die Industriestaaten, die historisch den Großteil der Treibhausgasemissionen verursachten und daher eine besondere Verantwortung bei der Anpassung an den Klimawandel tragen. Auch innerhalb einzelner Länder zeigen sich deutliche Unterschiede: Wohlhabende Gruppen verursachen den größten Teil der Emissionen, während ärmere Menschen stärker unter den sozialen und ökologischen Folgen leiden. Für eine nachhaltige und gerechte Energiewende ist es deshalb entscheidend, Armut zu bekämpfen und den Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit sowie fairen Partnerschaften zu verbinden (Dörre, 2025).
Entscheidend ist, Burkina Fasos eigenständigen Weg unter Berücksichtigung seiner spezifischen Bedingungen zu unterstützen – nicht nur als betroffenes Land, sondern als potenziellen Vorreiter für lokale Anpassungsstrategien und Innovationen, von denen auch Industrieländer und der Globale Norden lernen können. Eine gerechte und nachhaltige Energiewende gelingt nur, wenn Burkina Faso als gleichwertiger Partner verstanden wird. Dafür braucht es keine technische „Hilfe“ von außen, sondern eine gezielte Stärkung der lokalen Entscheidungsmacht: durch den Ausbau von Bildungsangeboten, einen gerechten Zugang zu Fördermitteln, Kontrolle über eigene Energiesysteme sowie eine kritische Reflexion globaler Machtverhältnisse und Narrative in der Energiepolitik.
Quellen
Dörre, K. (2025). Klimaungerechtigkeit: Nur wer die Armut bekämpft, kann die Erderhitzung stoppen. Lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung, 31.
Faso, B. Sous thème 2 Energies renouvelables et Applications. Transition énergétique et défi sécuritaire en Afrique de l’Ouest, quelle contribution de la recherche pour une résilience réussie, 32.
INOUSSA, T., IDRISSA, K., & ROUKIATOU, N. (2018). Efficacite energetique au Burkina Faso: une analyse des determinants de l’adhesion des entreprises1. La revue des énergies durables de la CEDEAO (ESEJ), 31.
VI, L. D. F., & VI, L. D. P. (2022). 2.3. 1. Ministère de l’Environnement, de l’Energie, de l’Eau et de l’Assainissement……
ZAGARE, W. O. S., & TRAORE, K. L’ENSEIGNEMENT-APPRENTISSAGE DE L’ENERGIE SOLAIRE: QUELS DEFIS POUR LA PROMOTION DES ENERGIES RENOUVELABLES AU BURKINA FASO.
Zoma, V. (2024). Energy challenges in Burkina Faso: Overcoming obstacles through innovation. International Journal of Ecology and Environmental Sciences, 6(4), 8-15.
Diskutieren Sie mit