In der 39. Folge des Podcast zur Energiezukunft spricht Katharina Klein mit Prof. Dr. Volker Nürnberg, einem Experten mit rund 25 Jahren Erfahrung im Gesundheitswesen, über Hitzeschutz am Arbeitsplatz.
Warum ist Hitzeschutz ein strategisches Gesundheitsthema?
Faktoren wie Hitze beeinflussen die Produktivität der Mitarbeitenden spürbar und können sich negativ auswirken. Gerade in der aktuellen Situation, in der wir mit hohen Fehlzeiten konfrontiert sind, ist es wichtig, diese Zusammenhänge genauer zu betrachten, auch im Hinblick auf die Auswirkungen von Hitze. Unternehmen stehen daher vor der Herausforderung, sich aktiv mit den Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen, um ihre Leistungsfähigkeit und Produktivität langfristig zu sichern.
Welche gesundheitlichen Folgen kann Hitze konkret haben?
Ein großes Thema ist der Schlaf, der gerade in heißen Nächten stark beeinträchtigt wird. In Deutschland gibt es rund 17 Millionen Schichtarbeiter*innen, die ohnehin oft mit Schlafproblemen kämpfen, und hohe Temperaturen verschärfen diese Situation zusätzlich. Eine der Folgen ist Müdigkeit, die wiederum Konzentrationsstörungen nach sich zieht, besonders an heißen Tagen. Diese Faktoren führen unter anderem zu einer erhöhten Fehlerquote und einer sinkenden Produktivität. Auch die Konzentrationsfähigkeit leidet erheblich, und Menschen reagieren in solchen Situationen oft gereizter. All diese Faktoren zusammen beeinflussen den regulären Arbeitsprozess spürbar und stellen Unternehmen vor große Herausforderungen.
Wie muss sich unsere Arbeitswelt verändern, um dem Problem Hitze zu begegnen?
Das Thema Arbeitszeiten spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. In den südlichen Ländern ist die berühmte Siesta ein fester Bestandteil des Alltags. Das heißt die Kernarbeitszeiten könnten in Zukunft früher beginnen, um die kühleren Morgenstunden besser zu nutzen. Darüber hinaus ist es notwendig, dass es mehr Flexibilität beim Arbeitsort geben wird. Manche Menschen haben zu Hause kühlere Arbeitsbedingungen als in einem Büro, das sich stark aufheizt, und würden daher lieber von dort aus arbeiten. Dieser Ansatz hat seit der Pandemie ohnehin an Bedeutung gewonnen und könnte weiter ausgebaut werden. Zudem werden Unternehmen sicherlich mit verschiedenen passiven Maßnahmen reagieren, wie Hitzeschutz, Rollos oder ähnlichem. Einige dieser Aspekte sind bereits im Arbeitsschutz geregelt.
Wie können sich Arbeitnehmer*innen selbst vor Hitze schützen?
Gesundheitsschutz ist ein Thema, das sowohl das Unternehmen als auch die Mitarbeitenden betrifft – beide Seiten tragen Verantwortung und können aktiv dazu beitragen. Der Einzelne hat dabei viele Möglichkeiten, selbst etwas zu tun. Das fängt bei der richtigen Kleidung und dem Sonnenschutz an, insbesondere bei Tätigkeiten im Freien. Auch die Ernährung spielt eine Rolle: Im Sommer sollten wir leichter essen und vor allem ausreichend trinken. Darüber hinaus ist es wichtig, flexibel mit den Arbeitszeiten umzugehen. An besonders heißen Tagen kann es sinnvoll sein, die Arbeitszeit anzupassen, weniger zu arbeiten und dafür an anderen Tagen mehr zu leisten.
Welche Best-Practice-Beispiele für Hitzeschutz am Arbeitsplatz gibt es?
Kurzfristig setzen viele Unternehmen auf einfache, aber effektive Lösungen wie die Bereitstellung von kostenfreien Getränken, was leider noch nicht überall Standard ist. Auch passive Schutzmaßnahmen wie Ventilatoren oder zusätzlicher Sonnenschutz werden zunehmend eingesetzt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Flexibilität in der Kantine: An besonders heißen Tagen sollte man vielleicht lieber leichte Gerichte anbieten, statt schwerer Kost – das trägt ebenfalls zur Mitarbeitergesundheit bei. Mittelfristig und langfristig wird das Thema jedoch noch komplexer. Unternehmen müssen bei der Planung neuer Gebäude oder Produkte zunehmend die gesundheitlichen Auswirkungen berücksichtigen, insbesondere in Bezug auf extreme Hitze. Das bedeutet, dass unternehmerische Entscheidungen künftig stärker unter dem Aspekt der Mitarbeitergesundheit und des Klimawandels betrachtet werden müssen. Produktionsprozesse könnten beispielsweise saisonal angepasst werden, sodass bestimmte Arbeiten eher in den kühleren Monaten stattfinden.
Welche Modelle gibt es in anderen Ländern?
In einigen Ländern wie Frankreich oder anderen südlichen Staaten gibt es deutlich strengere Arbeitsschutzvorschriften als in Deutschland. Dort sind bestimmte Tätigkeiten ab einer festgelegten Temperatur, oft ab 35 Grad, gesetzlich verboten und stehen unter Strafe. In Deutschland hingegen sind die Regelungen vergleichsweise locker. Gleichzeitig gibt es Länder wie die USA, wo das andere Extrem vorherrscht. Dort sind viele Arbeitsräume stark klimatisiert, was bei Außentemperaturen von über 40 Grad und Innenräumen mit 17 Grad ebenfalls gesundheitlich bedenklich ist.
Wie sieht die rechtliche Rahmensetzung zum Thema Hitzeschutz am Arbeitsplatz in Deutschland aus?
Im Arbeitsschutz gibt es nur wenige Regelungen, die sich explizit mit dem Thema Hitze befassen. Historisch stammen diese Vorschriften aus Branchen wie der Stahlindustrie, wo Mitarbeitende bei extrem hohen Temperaturen von 40 bis 100 Grad arbeiten mussten. Einige dieser Regelungen existieren noch heute, sind jedoch oft nur als Sollvorschriften formuliert. So ist beispielsweise festgelegt, dass die Raumtemperatur in Büros 26 Grad nicht überschreiten sollte. Ab 30 Grad ist der Arbeitgeber verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, wie etwa die Bereitstellung von Getränken oder Ventilatoren. Bei noch höheren Temperaturen gibt es Empfehlungen, die Arbeitszeit zu verkürzen, sodass Mitarbeitende nicht länger als vier bis sechs Stunden arbeiten. Diese Regelungen sind jedoch wenig bekannt, und im Gegensatz zu Schulen, die bei großer Hitze Hitzefrei gewähren, kennt der Arbeitsschutz solche Maßnahmen nicht.
Lesetipp
Prof. Dr. Volker Nürnberg empfiehlt den Gesundheitsreport 2024, Analyse der Arbeitsunfähigkeiten, Gesundheitsrisiko, Hitze. Arbeitswelt im Klimawandel. Dort werden all die Themen, welche die beiden im Podcast besprochen haben, mit Zahlen hinterlegt.
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