Heiß diskutiert oder kalt erwischt: Die Wärmewende (37)

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In der 37. Folge des Podcast zur Energiezukunft Katharina Klein mit Andreas Klingemann. Er ist Leiter der Abteilung Wärme beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

 

 

Wo steht Deutschland aktuell beim Thema Wärmewende?

Betrachtet man ausschließlich den Neubau in Deutschland, so lässt sich für 2023 tatsächlich ein Wendepunkt feststellen: Erstmals steht die Wärmepumpe mit über 42 % an erster Stelle der verbauten Heizsysteme. Dahinter folgt die Fernwärme mit 26 %, und Gasheizungen machen mit etwa 23 bis 24 % den dritten Platz aus. Diese Entwicklung ist jedoch nur ein Ausschnitt und ändert nichts am bestehenden Gebäudebestand. Dort sieht die Lage anders aus: Noch immer werden 56 % der Wohnungen mit Gas beheizt, und es gibt weiterhin eine beträchtliche Anzahl an Ölheizungen. Insgesamt stehen wir vor der gewaltigen Aufgabe, in den nächsten 20 Jahren nicht weniger als 18 Millionen fossilbetriebene Heizungen zu ersetzen, zu erneuern und auf klimafreundliche Energieträger umzustellen. Das ist nicht nur eine enorme Herausforderung, sondern auch ein gigantisches Investitionsprojekt mit volkswirtschaftlichem Potenzial. Es bietet große Chancen für Innovationen, neue Märkte und die Weiterentwicklung bestehender Marktstrukturen. Deshalb sollten wir uns von den großen Zahlen nicht abschrecken lassen.

Akteure, die für eine erfolgreiche Wärmewende gebraucht werden

Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen verschiedene Akteure an einen Tisch gebracht werden. Dazu gehören Stromnetzbetreiber, lokale Stromerzeuger, Gasnetzbetreiber, Anbieter von dekarbonisierten Gasen wie Biomethan, Biogas oder perspektivisch Wasserstoff, sowie Fernwärmeversorger und Wärmenetzbetreiber. Gleichzeitig ist es essenziell, die Kundenseite einzubeziehen: Großverbraucher mit ihren spezifischen Energiebedarfen, Hauseigentümer und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Nur durch eine gemeinsame Diskussion und Zusammenarbeit können kosteneffiziente und realistische Lösungen erarbeitet werden.

Hürden bei der Transformation der bestehenden Wärmenetze

Die Transformation der Wärmenetze steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Ein zentraler Punkt ist der zunehmende gesetzliche Druck: Immer komplexere Regelwerke und steigende Berichtspflichten binden wertvolle Ressourcen in den Unternehmen, die eigentlich für die Umsetzung operativer Maßnahmen benötigt werden. Diese Bürokratie bremst den Fortschritt erheblich.

Fachkräftemangel in den Kommunen bremst die Wärmewende

Hinzu kommt die oft unzureichende Abstimmung innerhalb der kommunalen Verwaltung sowie der Fachkräftemangel. In vielen Städten, gerade in mittelgroßen, sind die Planungsabteilungen der Fernwärmeversorger personell stark unterbesetzt. Zwei Personen können beispielsweise nicht den Investitionsbedarf von 300 Millionen Euro innerhalb von 20 Jahren stemmen. Hier bräuchte es eine massive Aufstockung der Kapazitäten, um die Transformationsziele im vorgegebenen Zeitrahmen zu erreichen.

Regulierung der Fernwärme

Schließlich gibt es die anhaltende und oft fehlgeleitete Debatte über die Regulierung der Fernwärme. Der Versuch, die Regulierungsrahmen aus dem Gas- oder Strombereich einfach auf die Wärme zu übertragen, ignoriert die Realität der lokal begrenzten, abgeschlossenen und äußerst heterogenen Wärmenetze. Diese Herangehensweise wird der Komplexität und den spezifischen Anforderungen der Wärmewende nicht gerecht und stellt ein weiteres Hemmnis dar.

Warum hat die Wärmepumpe so ein schlechtes Image?

Ein zentraler Punkt ist, dass Gasheizungen in Deutschland eine bewährte Technologie sind. Die Menschen wissen, was ein Gaskessel ungefähr kostet, und er lässt sich schnell und unkompliziert installieren. In der Vergangenheit war Pipeline-Gas zudem äußerst günstig, was die Entscheidung für diese Heiztechnologie zusätzlich erleichtert hat. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen eher träge sind, wenn es um Veränderungen geht – schließlich ist ein Heizungskeller kein Statussymbol wie ein schnittiger Neuwagen, den man stolz Freunden und Nachbarn präsentiert. Niemand lädt Gäste ein, um ihnen die neue Heizungsanlage oder die Fernwärmeübergabestation zu zeigen.

Diese Haltung zeigt, wie tief verwurzelt die Gewohnheiten und die Wahrnehmung rund um das Thema Heizung sind. Es ist eine Herausforderung, diese Denkweise zu ändern und die Menschen für die Wärmewende zu begeistern. Es braucht nicht nur technische Lösungen, sondern auch einen kulturellen Wandel, um die Transformation erfolgreich zu gestalten.

Wie steht es um die Akzeptanz der Wärmewende bei Endkund*innen?

Die Dekarbonisierung der Wärme ist eine große Gemeinschaftsaufgabe, die Politik, Kommunen, Energiewirtschaft und Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen betrifft. Besonders die kommunale Wärmeplanung spielt dabei eine zentrale Rolle, denn sie soll nicht nur konkrete Lösungen für die lokale Wärmeversorgung entwickeln, sondern auch die Menschen vor Ort unterstützen und informieren. Es geht darum, die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen, dass sie sich mit dem Thema Wärme und ihrer zukünftigen Heizung auseinandersetzen müssen – nicht sofort, aber auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045 wird es unvermeidlich sein.

Besonders wichtig ist dabei, auf vulnerable Gruppen zu achten, wie ältere Hausbesitzer oder Vermieter, die oft über 60 oder sogar 80 Jahre alt sind. Für diese Menschen ist es eine besondere Herausforderung, größere Investitionen zu tätigen oder Kredite aufzunehmen. Hier braucht es gezielte Beratung und Unterstützung, um sicherzustellen, dass niemand zurückgelassen wird.

Darüber hinaus ist die Förderung von Fachkräften ein zentraler Baustein für die Akzeptanz und den Erfolg der Wärmewende. Der Fachkräftemangel ist eine große Hürde, und es ist entscheidend, junge Menschen für MINT-Berufe und Handwerksberufe zu begeistern. Ob in der Planung am Schreibtisch oder bei der Umsetzung vor Ort mit Bagger und Schaufel – die Energiewende und Wärmewende bieten spannende und zukunftssichere Berufsperspektiven, die aktiv gefördert werden müssen.

Lesetipp

Andreas Klingemann empfiehlt die BDEW-Homepage. Hier findet sich neben dem Statusreport Wärmeversorgung in Deutschland auch ein Heizkostenvergleich. Der BDEW-Fortschrittsmonitor zeigt die Fortschritte der Energiewende auf. Außerdem verweist Klingemann auf die Stadtwerkestudie 2025: Wie Regulierung und gesetzliche Vorgaben Stadtwerke herausfordern. Weitere Empfehlungen sind:

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