Globale Energiewende: Warum Entwicklungszusammenarbeit eine Investition in die Zukunft ist

Benjamin Schober

Komponentenleiter GET.pro

Benjamin Schober ist Teamleiter Advisory Services bei GET.transform, das Teil der Multi-Geber-Plattform GET.pro ist. Das Team entwickelt und implementiert konkrete Beratungsleistungen in den Bereichen Energieplanung, Netzintegration erneuerbarer Energien, sowie On- und Off-grid Regulierung und Marktentwicklung.

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04. Dezember 2025

Da ich in den 80er und 90er Jahren im Südwesten Deutschlands aufgewachsen bin, kann ich mich noch gut an das ungläubige Raunen erinnern, wenn in der abendlichen Wettervorhersage Temperaturen von 30 °C und darüber angekündigt wurden. Heute, nur wenige Jahrzehnte später, sind 30 °C im Sommer mittlerweile ‚eingepreist‘, und die 40 °C Marke steht regelmäßig im Fokus der Aufmerksamkeit. 

Ohne Energiewende geht es nicht

Die Energiewende ist eine globale Aufgabe. Kein Land und kein Wirtschaftsraum kann sie im Alleingang bewältigen – weder technologisch noch politisch.

Benjamin Schober

Den Lesern dieses Textes möchte ich zunächst einen Konsens abringen: Der menschengemachte Klimawandel ist real und der Energiesektor trägt einen großen Beitrag daran. Wer dem nicht zustimmt, dem empfehle ich, sich anderen Texten zuzuwenden und hier abzubrechen. Wer sich in dieser These wiederfindet, wird auch dem Folgenden zustimmen: Die Energiewende ist eine globale Aufgabe. Kein Land und kein Wirtschaftsraum kann sie im Alleingang bewältigen – weder technologisch noch politisch. Während Deutschland und Europa bestenfalls gemeinsam ihre eigenen Klimaziele verfolgen, und sich in Nordamerika die Zeit ins Fossilzeitalter zurückzudrehen scheint, entscheidet sich der Erfolg der weltweiten Dekarbonisierung maßgeblich im globalen Süden. Hier wird der Großteil des zukünftigen zusätzlichen Energiebedarfs entstehen, und damit auch der entscheidende Teil der globalen Emissionen – oder eben nicht, wenn jetzt die richtigen Entscheidungen für Mensch und Klima getroffen werden.  

Globale und politische Herausforderungen 

Allerdings bestehen besondere Herausforderungen für Länder des Globalen Südens, bei uns in Deutschland oft gänzlich unbekannt: trotz riesiger Potenziale für bspw. Wind- und Sonnenenergie sind Energieprojekte oft kaum finanzierbar, da Währungsrisiken und die Einstufungen internationaler (größtenteils US-amerikanischer) Ratingagenturen die Mobilisierung von Kapital nahezu unmöglich machen. Zusätzlich stehen diese Länder vor weiteren, dringenden Aufgaben. Dazu zählt die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Grundlagen wie der Sicherstellung von Wohnraum, Zugang zu Wasser oder medizinischer Versorgung, um nur Wenige zu nennen. Manche alltäglichen Aufgaben, wie etwa das Kochen, erfolgen nicht mit Strom, sondern mit Brennstoffen, insbesondere Holz, was zur weiteren Entwaldung beiträgt. Zudem ist die Stromversorgung häufig instabil, reicht nicht in alle Landesteile oder beschränkt sich lediglich auf die großen Ballungszentren.  

 Geht es nun darum, Wohlstand zu ermöglichen, ist die Stromversorgung mit Blick auf Versorgungsqualität und Kosten oft ein Problem. Viele Länder stehen am Scheideweg zwischen, vermeintlich sicheren und schnell verfügbaren, fossilen Versorgungsquellen und der Investition in erneuerbare Energien. Das Spannungsfeld aus fehlenden regulatorischen Rahmenbedingungen, begrenztem Zugang zu Finanzierung und unzureichender Energieinfrastruktur und Netzkapazitäten lässt die Entscheider dann oft am Ausbau an Erneuerbaren Energien zweifeln, obwohl die wirtschaftlichen Vorteile längst überwiegen.

Laut IRENA (2025) waren erneuerbare Energien 2024 die kostengünstigste Form der Stromerzeugung – 91 % der neuen Anlagen produzierten billiger als fossile Alternativen; Solarstrom war im Schnitt 41 % und Windstrom 53 % günstiger. China, mittlerweile eher dem Globalen Norden zuzuordnen und damit selbst zu Investitionen fähig, hat dies längst begriffen: Neben dem immer noch deutlichen Zubau von Kohlekraftwerken entstehen dort weltweit die meisten zusätzlichen Kapazitäten in Wind- und Solarenergie, im ersten Halbjahr 2025 wurde doppelt so viel Kapazität an erneuerbarer Energie hinzugefügt wie in allen anderen Ländern der Welt zusammen. Diese werden bald dafür sorgen, dass trotz weiteren Wirtschaftswachstums die Spitze an Treibhausgasemissionen erreicht wird, wie auch der chinesische Staatspräsident Xi Jinping unlängst verkündet hat. 

Instrumente der deutschen und europäischen Entwicklungszusammenarbeit

Fehlen diese Rahmenbedingungen, sichern sich andere globale Akteure den Marktzugang über teure und ineffiziente Abkommen und Hinterzimmer-Deals, zum Nachteil der Partnerländer und zum Nachteil der deutschen und europäischen Wirtschaft.

Benjamin Schober

Hier setzt das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH umgesetzte Programm „Global Energy Transformation Programme (GET.pro)“ an, ein europäisches Multi-Geber-Programm zur Förderung der globalen Energiewende. Verschiedene Instrumente greifen dabei ineinander. Während GET.invest Unternehmen aus dem Privatsektor bei der Projektentwicklung und -finanzierung unterstützt, arbeitet GET.transform mit Regierungen und öffentlichen Institutionen wie Netzbetreibern, Regulierungsbehörden oder Energieversorgungsunternehmen zusammen, um investitionsförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Ausbau von Erneuerbaren-Energien-Kapazitäten ermöglichen und beschleunigen.  

 Auch andere Vorhaben der GIZ tragen dazu bei, Hemmnisse in den Partnerländern abzubauen, sowie eine verstärkte Zusammenarbeit mit deutschen Ministerien zu fördern. So sorgt das Programm Bilaterale Energiepartnerschaften dafür, einen (energie-)politischen Dialog zwischen dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) und den jeweiligen Energieministerien aufzubauen und zu erhalten, um nachhaltige Transformation vor Ort voranzubringen, die deutsche Wirtschaft als zentraler Akteur und Umsetzer der Energiewende zu positionieren und zu flankieren, und schlussendlich auch um Investitionsmärkte für deutsche Unternehmen zu erschließen. 

Neben diesen globalen, aus der Zentrale gesteuerten Programmen, sorgen außerdem zahlreiche in den Ländern verankerte, sogenannte bilaterale Vorhaben dafür, Energieprojekte vor Ort umzusetzen, Wissens- und Technologietransfer für nachhaltige Entwicklung zu nutzen und langfristige Partnerschaften zu schaffen.

Was passiert, wenn die Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr unterstützt? 

Was bringt nun also die Unterstützung von wirtschaftlich benachteiligten Ländern bei der Transformation ihrer Energiesysteme, finanziert durch öffentliche Mittel z.B. aus Deutschland? In erster Linie hilft dies, in der klassischen Logik der Entwicklungszusammenarbeit, den Menschen vor Ort, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Außerdem können so die oben beschriebenen Herausforderungen globaler Natur direkt adressiert und angegangen werden. Letztlich ist die Entwicklungszusammenarbeit im Energiesektor aber auch als erweiterte Form der Außenpolitik zu begreifen, wo Dialoge und Prozesse angestoßen, gemeinsam verfolgt und Probleme und Hemmnisse beseitigt werden. Und hier schließt sich auch eine vierte Dimension an: über die konkrete Arbeit der GIZ, sowie gemeinsame Veranstaltungen und Kontakte konnten und können zahlreiche wirtschaftliche Projekte angestoßen und entwickelt werden, von der auch die mittelständisch geprägte Exportnation Deutschland profitiert. Wo Rechtsstaatlichkeit und Transparenz sichergestellt und wettbewerbliche Ausschreibungen möglich sind, kann die europäische Wirtschaft diese Stärke ausspielen. Fehlen diese Rahmenbedingungen, sichern sich andere globale Akteure den Marktzugang über teure und ineffiziente Abkommen und Hinterzimmer-Deals, zum Nachteil der Partnerländer und zum Nachteil der deutschen und europäischen Wirtschaft. 

 Würde diese Form der internationalen Zusammenarbeit nun drastisch gekürzt oder gar eingeschränkt, stellte dies nicht nur einen erheblichen Rückschritt in der Bekämpfung von Armut und Klimawandel dar, sondern versperrte der deutschen und europäischen Wirtschaft auch zahlreiche Investitionsmöglichkeiten in Afrika, Südamerika und Asien. Eine detaillierte Analyse von Oxfam zeigt, dass bei 25 von 40 untersuchten Projekten der vor einigen Jahren ins Leben gerufenen Global Gateway Initiative der Europäischen Union mindestens ein europäisches Unternehmen direkt profitiert hat; laut einer KfW-Studie der Universität Göttingen (2024) erhöht jeder investierte US-Dollar in deutsche Entwicklungszusammenarbeit die deutschen Warenausfuhren im Schnitt um 0,36 US-Dollar, was jährliche Exporteffekte von rund 8,8 Milliarden US-Dollar und die Schaffung von etwa 88.800 Industriearbeitsplätzen bewirkt. 

 Nicht zuletzt resultierte eine Kürzung der Mittel für staatliche Entwicklungszusammenarbeit darüber hinaus aber auch in zunehmender regionaler Armutsmigration nach Deutschland und Europa, und die Leerstellen in den bilateralen Beziehungen würden durch andere geopolitische Akteure wie beispielsweise China oder Russland gefüllt. 

Die Rolle der deutschen und europäischen Wirtschaft

Es ist Zeit, Brücken zu bauen - vor allem in diesen streitbaren Zeiten um begrenzte Haushaltsbudgets und erhöhtem Bedarf an Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben.

Benjamin Schober

Staatliche Entwicklungszusammenarbeit kann also zusammen mit anderen außenpolitischen Initiativen den Rahmen für verbesserte internationale Kooperation und Veränderungen fördern. Doch um die globale Energiewende nachhaltig zu erreichen, braucht es Innovationskraft und Kapital der Privat- und Finanzwirtschaft. Deutsche Unternehmen verfügen unbestritten über technologische Spitzenlösungen in Bereichen wie Netzintegration, Speichertechnologien oder dezentraler Energieversorgung. Ihre stärkere Einbindung ist nicht nur ein Gewinn für die Projektländer, sondern damit auch ein direkter Zugang zu neuen Märkten mit wachsendem Energie- und Strombedarfen. Auch auf europäischer Ebene wird dies verfolgt: die Global Gateway Initiative wird etwa 300 Milliarden Euro in nachhaltige Projekte im Globalen Süden investieren, auch im Bereich Energie. Mit ihrer gerade veröffentlichten „Strategy for a Global Clean and Resilient Transition“ stärkt die Europäische Kommission den Global Gateway Investment Hub als zentrale Plattform, um private Investitionen zu mobilisieren. So sollen gezielt Projekte in sauberer Energie, kritischen Rohstoffen und nachhaltiger Infrastruktur gefördert und dadurch europäischen Unternehmen erhebliche Marktpotenziale und Investitionsmöglichkeiten in Afrika, Lateinamerika und Asien eröffnet werden. 

Mehr als Technik: Die Menschen im Mittelpunkt 

Bei aller Fokussierung auf die wirtschaftlichen Potenziale für deutsche und europäische Unternehmen: Energiewende ist kein Selbstzweck. Sie entscheidet darüber, ob Menschen in benachteiligten Regionen der Welt Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher und sauberer Energie haben – eine Grundvoraussetzung für Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Teilhabe. Entwicklungszusammenarbeit im Energiebereich ist daher nicht nur klimapolitisch geboten, sondern auch ein humanitäres Anliegen. Sie prägt auch das Bild Deutschlands in der Welt als ein Partner, der Verantwortung übernimmt und langfristige Lösungen fördert. Wer also in nachhaltige Energiesysteme im Globalen Süden investiert, investiert zugleich in globale Stabilität, Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung und Investitionschancen für deutsche Unternehmen. Die Entwicklungszusammenarbeit kann hier Impulsgeberin sein – gemeinsam mit der europäischen Politik und der Privatwirtschaft. 

Es ist Zeit, Brücken zu bauen – vor allem in diesen streitbaren Zeiten um begrenzte Haushaltsbudgets und erhöhtem Bedarf an Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben. Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft sind keine getrennten Welten, sondern Teile desselben Systems – und nur gemeinsam können wir die Menschheitsaufgabe der globalen Energiewende erfolgreich gestalten. Dann muss ich vielleicht auch meinen zukünftigen Enkeln nicht erklären, weshalb wir damals Sommertemperaturen von 40 °C noch als Ausnahme und nicht als Regel empfanden. 

Quellen

91% of New Renewable Projects Now Cheaper Than Fossil Fuels Alternatives

EU-Global Gateway Report-English-summary.pdf

Entwicklungspolitik Kompakt 07/2024

EU’s new strategy to shape a global clean and resilient transition     

 

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