Best Practice: Walldorf ist ein Vorbild für andere Kommunen

Als Wirtschaftsjournalist schreibe ich für bekannte Zeitungen, Magazine und Firmenpublikationen. Meine Auftraggeber profitieren von meiner Erfahrung, denn das Geschäft der Medien kenne ich seit vielen Jahren. Ich war Gründungsmitglied der Financial Times Deutschland, für die ich sieben Jahre als Korrespondent aus Paris und London berichtet habe. Mein Studium habe ich als Diplom-Kaufmann abgeschlossen und mehrere Jahre Medienarbeit für die Bundeswehr betrieben. Ich bin Absolvent der Journalistenschule Axel Springer und wurde unter anderem mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Als Autor interessieren mich besonders die Menschen hinter meinen Geschichten. Über sie schreibe ich am liebsten – präzise, spannend und einfühlsam.

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Luftbilder 2018. Solaranlagen auf Hausdaecher. Neuerbare Energie. Sonne. 03.06.2018 - Jan A. Pfeifer - 0172-6290959

Auf den ersten Blick wirkt Walldorf wie eine typische Kleinstadt. Doch wer genauer hinsieht, merkt, dass der Ort in der Kurpfalz etwas Besonderes ist. Nicht nur, weil hier mehrere Weltkonzerne sitzen. Sondern auch, weil es an jeder Ecke eine Ladesäule gibt, PV-Anlagen auf den Dächern glitzern und Busfahrten im Stadtgebiet extrem günstig sind. Der Preis liegt bei einem Euro und bis vor kurzem galt sogar ein Nulltarif. „Nachhaltigkeit spielt hier seit vielen Jahren eine herausragende Rolle“, sagt Christian Horny, Klimaschutzbeauftragter der Stadt.  

Auch deshalb gilt Walldorf als Paradebeispiel für kommunalen Klimaschutz. Die Stadt wurde vielfach ausgezeichnet – zum Beispiel, weil sie den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreibt und Sektoren wie Strom, Wärme und Verkehr geschickt verknüpft.  

Walldorf hat seit mehr als 40 Jahren Umweltschutz im Blick

Die ersten Umweltförderprogramme entstanden in Walldorf bereits in den 1980er Jahren. Heute ist daraus eine umfassende Umweltstrategie geworden. Bis 2040 soll die Stadt klimaneutral werden. Derartige Ziele gibt es freilich öfters. Während es andere Kommunen aber gern bei Lippenbekenntnissen belassen, verordnete sich der Gemeinderat von Walldorf konkrete Vorgaben für elf Handlungsfelder. „Die arbeiten wir nun gezielt ab“, sagt Horny.  

Die Vorgaben betreffen zum Beispiel Gebäude, Wärme, Verkehr, aber auch Unternehmen und Landwirtschaft. Der Gemeinderat steht parteiübergreifend hinter den Zielen und unterstützt sie mit Geld. Dabei ist die Stadt keineswegs eine alternative Hochburg. Neben den Grünen sind im Gemeinderat CDU, SPD, FDP und eine lokale Wählervereinigung vertreten. Stärkste Fraktion ist die Union. Wie öfters in kleineren Gemeinden sind die Parteigrenzen kein Hindernis für eine sinnvolle Zusammenarbeit.  

Der Gemeinderat steht voll hinter Förderprogrammen

Der politische Rückenwind ist sehr hilfreich. „Mit jeder neuen Idee stoßen wir beim Gemeinderat auf offene Ohren“, sagt Horny. Er räumt jedoch ein, dass die Stadt auch von gutenRahmenbedingungen profitiert. Der Weltkonzern SAP hat in Walldorf seit 1977 seinen Sitz und das Unternehmen Heidelberger Druckmaschinen unterhält einen riesigen Entwicklungs- und Produktionsstandort in der Stadt mit 16.000 Einwohnern. Der Landmaschinenhersteller John Deere hat hier seine Europazentrale angesiedelt. Bei diesen Unternehmen arbeiten vor Ort mehr Menschen als in Walldorf leben. Dank der umsatzstarken Firmen sind die Gewerbesteuereinnahmen außergewöhnlich hoch. Richtig ist aber auch: Hohe Gewerbesteuereinnahmen haben andere Kommunen ebenfalls – und sie investieren bei weitem nicht so viel in den Klimaschutz wie Walldorf.  

Das Beispiel der Stadt zeigt auch, dass die Förderung von Klimaschutz auf lokaler Ebene keine astronomischen Summen verschlingt. Horny rechnet vor: Von 1990 bis 2025 zahlte die Stadt an ihre Bürgerinnen und Bürger Fördermittel von 11,2 Millionen Euro aus. In diesen 35 Jahren wurden gerade mal 3700 Zuschüsse gewährt – vor allem für die energetische Sanierung von Gebäuden und den Bau von Photovoltaikanlagen. Aktuell laufen 22 Förderprogramme. Im aktuellen Haushalt sind insgesamt 3,5 Millionen Euro dafür vorgesehen – allerdings wird erfahrungsgemäß nur ein Teil davon beantragt und ausbezahlt.  

Photovoltaik: Rasanter Ausbau in Walldorf

Bildband der Stadt Walldorf 2018. Solaranlagen. Dach. Strom. 12.05.2018 - Jan A. Pfeifer - 0172-6290959

Der größte Kassenschlager ist die Photovoltaik. Seit 2022 fördert die Kommune Anlagen auf Wohngebäuden, Gewerbeimmobilien und mittlerweile auch auf Parkplätzen. Allein seit 2023 wurde in Walldorf fast doppelt so viel PV-Leistung zugebaut wie von 2002 bis 2022.   

Aber wird sich der Bau einer PV-Anlage noch lohnen, wenn die Einspeisevergütung weiter zurückgefahren wird? Die Bundesregierung diskutiert, die Förderung für neue kleine PV-Anlagen ab 2027 weitgehend abzuschaffen und stattdessen auf Direktvermarktung zu setzen. 

Horny macht sich darüber keine Sorgen. „Im Moment beträgt die Amortisationszeit sechs bis acht Jahre, ohne Einspeisevergütung wären es ein bis zwei Jahre mehr.“ Für viele Bürgerinnen und Bürger stehe ohnehin nicht mehr nur die Einspeisevergütung im Mittelpunkt. Sie wollen unabhängiger werden von fossilen Energien und steigenden Preisen. Der selbst erzeugte Strom wird im eigenen Haus genutzt – etwa für Wärmepumpen oder Elektroautos.  

Auch Walldorfer Unternehmen ziehen mit. So baute Heidelberger Druckmaschinen auf einem Hallendach, das groß ist wie zehn Fußballfelder, eine Photovoltaikanlage mit 4,5 Megawatt Leistung. Der Strom wird direkt in den Produktionsprozessen genutzt.  

Verkehrswende ist mehr als Elektrifizierung

ÖPNV und Ladesäulen in Walldorf

Über Solarstrom von Dächern treiben immer mehr Walldorfer dank der Fördermittel auch ihre E-Autos an. Wer keine eigene Anlage hat, dem steht eine umfangreiche Infrastruktur zur Verfügung. „Walldorf hat die größte Ladesäulendichte in der gesamten Rhein-Neckar-Region“, betont Horny. Ein Großraum, zu dem immerhin Städte wie Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg gehören.  

Doch die Verkehrswende endet in Walldorf nicht am Ladekabel. Die Stadt versucht, Busfahren so bequem wie möglich zu machen. Moderne Haltestellen bieten Wetterschutz, Fahrradstellplätze und digitale Anzeigen mit Echtzeitinformationen. Vor allem aber soll der ÖPNV günstig bleiben: Jede Fahrt innerorts kostet nur einen Euro. 

Zeitweise fuhr man in Walldorf sogar gratis mit dem Bus. Das Modell scheiterte allerdings an einem unerwartet profanen Problem: Das Verkehrsunternehmen konnte die Fahrgastzahlen nicht sauber erfassen. Künftig soll ein intelligentes Zählsystem für Klarheit sorgen – und vielleicht den Weg zurück zum Nulltarif ebnen. 

Fördergeld für Fahrrad und Pedelec

Bike-Sharing-Angebot der Stadt Walldorf

Wer lieber individuell unterwegs ist, kann ebenfalls Förderung beantragen. Es gibt Zuschüsse für Pedelecs, Lastenräder und Fahrradanhänger, die den Kofferraum ersetzen. Das Antragsformular lässt sich am Rechner ausfüllen und elektronisch unterschreiben. Nach der Genehmigung wird die Rechnung eingereicht, dann kommt das Geld von der Stadt. Für ein Fahrrad gibt es bis zu 200 Euro, für ein Pedelec maximal 400 Euro.  

Die Förderprogramme dürfen natürlich nur Leute nutzen, die in Walldorf ihren Wohnsitz haben, betont Horny. „Wir können allerdings nicht prüfen, ob die erworbenen Fahrzeuge in der Stadt verbleiben.“ Diese Unsicherheit müsse man halt in Kauf nehmen.  

Walldorfer Wärmewende

Ein Problem, das es bei der Heizungsförderung nicht gibt. Schon gar nicht, wenn es um Nahwärme geht. Die Stadt lässt derzeit dicht bebaute Viertel und die historische Altstadt untersuchen, ob der Bau eines Wärmenetzes lohnt. Im Fokus stehen dabei große Wärmepumpen, die Umweltwärme aus Grundwasser oder Erdreich nutzen können. Die ersten Ergebnisse seien vielversprechend, sagt Horny. Die Kommune hat sich das Ziel gesetzt, ganze Wohnquartiere klimafreundlich zu versorgen – darunter auch solche, wo heute noch überwiegend mit Öl geheizt wird.  

Lernkommune und Reallabor

Wer fördern will, muss Ziele und Abläufe immer weiter verbessern. Deshalb sieht sich die Stadt als Lernkommune und versucht, ihre Erfahrungen mit anderen Gemeinden zu teilen. Wichtig: Projekte dürfen scheitern. Ein Beispiel ist das „Living Lab“. In einem Neubaugebiet sollten Gebäude virtuell miteinander vernetzt werden – einschließlich Stromerzeugung, Batteriespeicher und intelligenter Steuerung. Das Vorhaben schlug international Wellen. Selbst Delegationen aus Asien reisten an. Doch das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Die Technik der verschiedenen Hersteller passte nicht zusammen. Schnittstellen fehlten. Trotzdem bewertet Horny das Projekt positiv. „Wir haben wichtige Erkenntnisse gewonnen, die heute bei der Weiterentwicklung smarter Energiesysteme helfen.“ 

Warten auf Windkraft

Der Rückschlag mit dem Reallabor zeigt aber auch: Selbst eine engagierte Kommune wie Walldorf kann die Energiewende nicht überall allein vorantreiben. Vor allem dort, wo bundespolitische Rahmenbedingungen zählen. Deutlich wird das beim Ausbau der Windkraft. Im Teilregionalplan ist eine kommunale Fläche als Eignungsgebiet ausgewiesen. Sie liegt zwischen zwei großen Autobahnen, weit weg vom Wohngebiet und kaum Schattenwurf. Es gibt Platz für vier bis fünf Windturbinen.Doch der Projektierer sprang in letzter Sekunde ab“, sagt Horny. Das Unternehmen fürchtete neue Pläne der Bundesregierung, die das Umfeld für die Windkraft verschlechtern und den wirtschaftlichen Betrieb neuer Windparks unmöglich machen könnten. 

Klimaschutz mit vielen kleinen Schritten

Trotz solcher Erfahrungen hält die Stadt an ihrem Kurs fest. Entscheidend sei vor allem, die Menschen nicht zu überfordern. „Die Energiewende darf nicht als Belastung empfunden werden“, sagt Horny. Vielmehr müsse sie als gemeinsames Projekt funktionieren. Deshalb schreiben er und seine Mitarbeitenden auch die Beratung groß. Wo passt sie Wärmepumpe und wir geht das mit der Förderung? Fragen wie diese beantwortet das fünfköpfige Team. Wenn es nicht gerade neue Programme entwickelt oder Förderanträge prüft. Klimaschutz besteht eben aus vielen kleinen Schritten. 

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