Feuer unterm Topf: Warum Ghanas Küchen immer noch auf Holz setzen

Julian Henle

Student

Julian Henle studiert Maschinenwesen an der Technischen Universität München und verbringt ein Auslandssemester an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Ghana. In seinen Beiträgen beleuchtet er Energie- und Umweltthemen in Ghana und berichtet dabei über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungen vor Ort.

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29. April 2026

Holz herrscht trotz Stromanschluss vor

In Ghana sind Fortschritte bei der Energieversorgung unübersehbar. Laut dem Ghana Demographic and Health Survey von 2022 haben rund 83 % aller Haushalte und sogar 95 % in städtischen Gebieten Zugang zu Strom. Elektrizität ist damit für Beleuchtung, Kommunikation und Unterhaltung längst Teil des Alltags. Umso überraschender ist es, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Haushalte diesen Strom auch zum Kochen nutzt. Stattdessen dominieren in den meisten Fällen weiterhin Holz, Holzkohle und offene Feuerstellen. Gerade in der Küche zeigt sich, dass Energieverfügbarkeit allein keinen Wandel bewirkt. Entscheidend sind vielmehr Bezahlbarkeit, Verlässlichkeit und tief verankerte Kochgewohnheiten. Im Folgenden wird diesem Phänomen auf die Schliche gegangen, mit dem Ziel, eine Erklärung für dieses widersprüchlich wirkende Verhalten zu finden. 

Massive Abhängigkeit von traditionellen Brennstoffen

Ein gängiges Bild ghanaischer Küchen ist der sogenannte Three-Stone-Fire („Drei-Steine-Herd“), welcher in der Landessprache Twi auch „Mukyea“ genannt wird. Dabei werden drei stabile Steine so angeordnet, dass zwischen ihnen ein Topf platziert werden kann. Unter den Steinen wird Holz oder Holzkohle entzündet. Dieses einfache System erlaubt das Kochen mit lokal verfügbaren Brennstoffen, ist robust, reparaturarm und flexibel, gleichzeitig aber ineffizient und rauchintensiv. Nach aktuellen statistischen Erhebungen kochen in Ghana weit über drei Viertel der Haushalte, rund 76 %, weiterhin mit traditionellen Brennstoffen wie Holz, Holzkohle oder anderen festen Biomassen. Nur etwa 23 % nutzen „saubere“ Kochtechnologien wie LPG-Gas, Elektrizität oder Biogas.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie hartnäckig dieses Muster ist. Bereits der Multiple Indicator Cluster Survey aus dem Jahr 2011 wies einen Anteil von rund 81 % an Haushalten aus, die feste Brennstoffe zum Kochen verwenden. Trotz wachsender Zahl an Stromanschlüssen hat sich daran innerhalb von mehr als zehn Jahren nur wenig geändert. Zugleich ist die Nutzung moderner Kochenergie auch stark regional und sozial ungleich verteilt. In Städten wie Accra liegt der Anteil der Haushalte, die mit LPG kochen, bei etwa 50 %, während in ländlichen Regionen weiterhin Holz und Holzkohle dominieren.

Tradition schlägt Fortschritt: Warum moderne Energie scheitert

Der wohl entscheidende Punkt ist der finanzielle Aufwand für moderne Kocher. Für viele Haushalte stellen LPG oder elektrische Kochgeräte eine finanzielle Hürde dar. Nicht nur die Anschaffung der Gaszylinder, Kocher oder elektrischen Kochplatten ist vergleichsweise teuer, sondern auch die laufenden Kraftstoffkosten sind für einkommensschwache Haushalte oftmals nur schwer tragbar. Traditionelles Brennholz kann hingegen selbst gesammelt oder kostengünstig erworben werden, was es kurzfristig attraktiver macht als den Kauf teurerer Energie.

Hinzu kommen infrastrukturelle Defizite. Auch wenn Gas und Strom formal landesweit verfügbar sind, fehlt es vielerorts weiterhin an einer verlässlichen Anbindung an die Stromversorgung, oder an einer regelmäßigen und preiswerten LPG-Belieferung, vor allem in ländlichen Gebieten. Stromausfälle, Spannungsschwankungen oder lange Wege zu LPG-Füllstationen machen den Alltag mit moderner Energie unsicher. Frühere Programme zur staatlichen Förderung von LPG hatten aus diesen Gründen nur begrenzten Erfolg. Nicht zuletzt spielt auch die kulturelle Dimension eine zentrale Rolle. Das Kochen mit offenem Feuer ist tief in den Alltagspraktiken verwurzelt. Viele traditionelle Gerichte werden über Holz- oder Holzkohlefeuer zubereitet, weil diese Zubereitungsarten am besten funktionieren oder als geschmacklich authentisch gelten. 

Rauch, Gesundheitsrisiko und viel verlorene Zeit

Die Nutzung offener Feuerstellen betrifft nicht allein die Energieversorgung, sondern stellt auch eine erhebliche Gesundheitsbelastung dar. Rauch und Abgase, die bei der Verbrennung von Brennstoff entstehen, sind in Ghana ein bedeutender Risikofaktor für Atemwegserkrankungen und tragen laut Studien erheblich zur Krankheitslast, mit geschätzten tausenden Todesfällen jährlich, bei. Dabei sind Frauen und Kinder am stärksten betroffen, da sie traditionell bedingt mehr Zeit in der Nähe des Kochfeuers verbringen. Auch Verbrennungen an Körperteilen sind in diesem Kontext ein großes Problem und sorgen für lebensbedrohliche Verletzungen. Darüber hinaus bindet das Sammeln von Brennholz viel Zeit und körperliche Arbeit, die für Bildung, Erwerbstätigkeit oder Erholung fehlt. Die Art zu kochen, beeinflusst damit nicht nur die Gesundheit, sondern auch soziale Chancen. 

Zwischen Energiepolitik und Alltagsrealität

Die ghanaische Regierung und internationale Partner versuchen seit Jahren, den Übergang zu sauberem Kochen zu fördern. So gibt es Bemühungen, Millionen verbesserter Kochherde zu verteilen und die Nutzung von LPG über Finanzierungsmodelle und Strategien zur Subventionierung von Gas zu erweitern. Doch trotz dieser Maßnahmen bleibt der Fortschritt langsam. Weitere Lösungsansätze sind vielseitig, ob Briketts aus spezieller Biomasse oder Solardampfkocher, doch es mangelt häufig an einer durchdachten Umsetzung und Finanzierung dieser Projekte. Der ghanaische Küchenherd zeigt damit exemplarisch die Grenzen der Energiewende auf. Der Wechsel zu sauberem Kochen scheitert nicht etwa an fehlender Technologie, sondern an einem komplexen Zusammenspiel aus Preisen, Infrastruktur, Wissen und Alltagspraxis. Solange saubere Kochenergie für viele Haushalte unsicher, teuer oder unpraktisch bleibt, wird das offene Feuer Teil des Alltags bleiben, trotz Stromanschluss an der Wand. 

Quellen 

 Ghana Statistical Service (GSS) and ICF. 2023. Ghana Demographic and Health Survey 2022: Summary Report. 

Ghana Statistical Service, 2011. Ghana Multiple Indicator Cluster Survey with an Enhanced Malaria Module 

GACC. Global Burden of Disease From Household Air Pollution: Summary of 2016 Estimates. Available at: https://www.cleancookingalliance.org/binary-data/RESOURCE

Enabling Qapital. Case study – Enabling Ghana’s Clean Cooking Transition through Innovative LPG Financing. Available at: https://enabling.ch/news/case-study-enabling-ghanas-clean-cooking-transition-through-innovative-lpg-financing?

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