„Die Zeit drängt!“ – Carbon Management ist notwendig

Gastautor Portrait

Daniel Karrais MdL

FDP, Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg

Daniel Karrais ist seit 2018 Landtagsabgeordneter der FDP. Der Rottweiler hat Maschinenbau an der Universität Stuttgart studiert und sich in seinem politischen Wirken in der Energie- und Klimapolitik engagiert. Karrais ist Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landtags. In dieser Funktion leitete er eine Ausschussreise nach Belgien und in die Niederlande u.a. zu den Themen Wasserstoff und CCS. Als klimapolitischer Sprecher der FDP-Fraktion ist Karrais regelmäßig im Austausch mit Wissenschaft und Politik auf allen Ebenen und nahm an mehreren Delegationsreisen zu energie- und klimapolitischen Themen teil.

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25. September 2025
Foto: Shutterstock.com/petrmalinak

Baden-Württemberg scheitert am Klimaziel 2040

Unter der Führung der grün-schwarzen Landesregierung hat sich Baden-Württemberg ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt. Bis 2040 will unser Land klimaneutral sein. Doch der Klimaprojektionsbericht 2024 zeigt, dass auch im Jahr 2040 noch über 21 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente ausgestoßen werden. Das Ziel, Klimaneutralität fünf Jahre früher als der Bund und zehn Jahre früher als die EU zu erreichen, ist gescheitert. Ein kräftiges Umdenken ist erforderlich, um Klimaziele dennoch zu erreichen.

Zu wenig Beachtung in der Debatte finden unvermeidbare Emissionen in der Industrie. Allein in Baden-Württembergs Zement-, Kalk- und Chemieindustrie entstehen jährlich 2–3 Millionen Tonnen CO₂ durch Produktionsprozesse, die sich mit heutigem Stand der Technik nicht vermeiden lassen.

Carbon Management ist ein Schlüssel zur Klimaneutralität

Es wäre kurzsichtig darauf zu vertrauen, dass sich die unvermeidbaren Emissionen von alleine auflösen.

Daniel Karrais

An diesem Problem setzt Carbon Management an. CO₂ wird abgeschieden, transportiert, gespeichert (Carbon-Capture-Storage, CCS) oder zu neuen Produkten verarbeitet (Carbon-Capture-Usage, CCU). Zusätzlich können Negativemissionstechnologien (Carbon-Direct-Removal, CDR) CO₂ direkt aus der Atmosphäre entfernen. Carbon Management geht also über reinen Verhaltenswandel durch Kostendruck und Verbote hinaus. Deshalb betrachtet auch der Weltklimarat (IPCC) Carbon Management als ein unverzichtbares Werkzeug, um die Erderwärmung auf 1,5–2 °C zu begrenzen.

Der Hochlauf der CCS/CCU-Technologie ist international und dynamisch. Unter anderem sind Island und Kenia führend beim Bau von Anlagen zur Speicherung von CO₂ aus der Luft. Norwegen, Dänemark und andere westliche Staaten gelten als Vorreiter beim Ausbau von CCS und CCU. Dies ist teils auch getrieben durch den „Vorteil“, dass die Verpressung von CO₂ in Gaslagerstätten zu einer Steigerung der Förderung noch vorhandenen Erdgases führt. Dieser Umstand wird häufig als Kritik angeführt. Trotzdem wird es ohne solche Lagerstätten keine Klimaneutralität geben können. Es wäre kurzsichtig darauf zu vertrauen, dass sich die unvermeidbaren Emissionen von alleine auflösen.

Derzeit wird intensiv an einer Carbon-Management-Strategie gearbeitet, die den Ordnungsrahmen für CCS und CCU klarer definiert. Zugleich hat die neue Bundesregierung ein CCS-Gesetz auf den Weg gebracht. Es soll den Transport und die Einlagerung von CO₂ ermöglichen und die dafür nötige Infrastruktur als überragendes öffentliches Interesse einstufen. Für ein europäisches CO₂-Transportnetzwerk aus Pipelines, Schiffen und Zügen sind noch viele Rechts- und Finanzierungsfragen offen, die es auf europäischer und nationaler Ebene zu klären gilt. Doch die Zeit drängt.

Landespolitik befürwortet CCS und CCU für unvermeidbare Emissionen

Erfreulicherweise haben sich die Landesregierung von Baden-Württemberg und die demokratischen Fraktionen für den Einsatz von CCS und CCU bei unvermeidbaren Emissionen ausgesprochen. CCS und CCU gelten – nach langem Zögern der Landesregierung eine Carbon-Management-Strategie auf den Weg zu bringen – also schon jetzt als unverzichtbare Bestandteile der baden-württembergischen Klimapolitik. Konkrete Maßnahmen des Landes fehlen jedoch, was die betroffenen Unternehmen weiterhin vor große Herausforderungen stellt.

Kosten müssen maßgeblich sein, nicht Wunschvorstellungen

Die Wahrscheinlichkeit ist also gering, dass ein breiter Einsatz von CCS dazu führt, dass sich niemand mehr um Klimaschutz kümmert. Diese Sorge ist ideologisch getrieben und geht an den internationalen Realitäten vorbei.

Daniel Karrais

Geht es um den Einsatz von CCS über unvermeidbare Emissionen hinaus, besteht Uneinigkeit. Insbesondere die Landesregierung stellt die Klimarangfolge des Klimaschutzgesetzes „erst vermeiden, dann verringern und zur Not versenken“ als Monstranz in den Raum. Dabei sollten die Kosten einer Klimaschutzmaßnahme maßgeblich sein, nicht Wunschvorstellungen.

Konkret geht es um die Frage, ob CCS auch in der Energiewirtschaft, etwa bei Gaskraftwerken, oder bei produzierendem Gewerbe eingesetzt werden soll. Aus liberaler Sicht sollte der Einsatz uneingeschränkt möglich sein. Die hohen Kosten machen den Einsatz von CCS nur dann lohnend, wenn es keine Alternative gibt oder diese noch höhere Kosten verursacht. Diese Anwendungsfälle gibt es zu Hauf, wenn man landauf, landab unterwegs ist. Die Wahrscheinlichkeit ist also gering, dass ein breiter Einsatz von CCS dazu führt, dass sich niemand mehr um Klimaschutz kümmert. Diese Sorge ist ideologisch getrieben und geht an den internationalen Realitäten vorbei.

Notwendig ist ein offenes und ehrliches Bewusstsein für die Kosten dieser Technologie. Diese können geringer sein als der Umstieg auf alternative Energiequellen oder die Elektrifizierung von Fertigungsprozessen. Ob das so ist, entscheiden am besten Unternehmen und nicht Parlamente.

Viele Unternehmen stehen unter einem hohen internationalen Wettbewerbsdruck. Ein pauschales Verbot wäre daher fatal. Wenn im Kostenrahmen des europäischen Emissionshandel eine Geschäftsidee für den Einsatz von CCS- und CCU-Technologien in wirtschaftlich tragfähigen Anwendungen entsteht, sollte diese Option auch baden-württembergischen Unternehmen offenstehen. Diese Gewissheit benötigen unsere Unternehmen damit sie anfangen können sich zu CO₂-Clustern zusammenzuschließen. Wenn sich regionale Netzwerke von Unternehmen bilden, die CO₂ gemeinsam abscheiden, transportieren und verwerten, kann das wirtschaftliche Vorteile haben und gleichzeitig das Klima unmittelbar schützen.

Konkrete Vorschläge für Baden-Württemberg

Carbon Management ist ein wesentlicher Bestandteil des Klimaschutzes eines HighTech-Standorts. Wir dürfen hierbei nicht den Anschluss verlieren.

Daniel Karrais

Wie kann Carbon Management durch bessere landespolitische Maßnahmen vorangetrieben werden?

1. Eine Roadmap für CCS und Negativemissionstechnologien entwickeln. Vorbild könnte dabei die Schweiz oder Bayern sein, die bereits eigene Ziele und Maßnahmen für Carbon Management formuliert haben.

2. CO₂-Cluster – also regionale Netzwerke, in denen Unternehmen gemeinsam CO₂ abscheiden, transportieren und verwerten – lokalisieren. Mithilfe gezielter Erhebungen zu CO₂-Quellen und Nutzungsoptionen kann das Land den Aufbau einer CO₂-Infrastruktur beschleunigen.

3. Die Bürgerakzeptanz stärken und sowohl über CCS-Risiken wie Leckagen als auch über die Möglichkeiten heimischer Speicherpotenziale wissenschaftlich aufzuklären. Hilfreich können hierbei landesweite Informationskampagnen sein.

Viertens müssen die Potenziale von Negativemissionen besser ausgeschöpft werden. Das Beratungshaus Boston Consulting Group schätzt allein für Deutschland einen 70-Mrd.-Euro-Markt bis 2050, was ca. 2 % des derzeitigen Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Die Bundesregierung hat das Potenzial erkannt und im neuen Haushaltsentwurf bereits 111 Millionen Euro für Projekte bereitgestellt. Davon sind 11,5 Millionen Euro für den Ankauf von CO₂-Entnahme-Zertifikaten auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt vorgesehen. Diese Zertifikate dienen als Beleg für die dauerhafte Entfernung von CO₂, beispielsweise durch Verfahren wie Direct Air Capture, und schaffen einen handelbaren Wert, der Investitionen in CDR-Technologien attraktiv macht. Baden-Württemberg könnte hier als erstes Bundesland vorangehen und mit dem Ankauf von Zertifikaten private Investitionen stimulieren.

Fazit: „So viel Klimaschutz, wie möglich, für so wenige Euros, wie nötig.“ Ist der Leitsatz, der ein Erreichen der Klimaziele ermöglicht. Carbon Management ist ein wesentlicher Bestandteil des Klimaschutzes eines HighTech-Standorts. Wir dürfen hierbei nicht den Anschluss verlieren.

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