Auch in diesem Jahr berichten Studierende für uns als Energie Reporter:innen von der 30. Weltklimakonferenz (COP30) aus Belem, Brasilien. Interessante, individuelle Einblicke in tagesaktuelle Geschehnisse und die Themen der COP30 werden hier dokumentiert. Dieser Beitrag hier wurde uns von Anna Neumann zur Verfügung gestellt.
Belém: Der Ort, an dem alles zusammenkommt
Das Paris-Abkommen wirkt. Allerdings nicht schnell genug. Nur zwei Länder liegen aktuell auf einem 1,5-Grad-Pfad.
Belém ist nicht nur geografischer Austragungsort der 30. Weltklimakonferenz, sondern auch politischer.
Proteste indigener Gemeinschaften sind jeden Tag präsent. Sie machen nur 5 % der Weltbevölkerung aus, schützen aber 80 % der globalen Biodiversität. Selten wird so sichtbar, wie eng Klimapolitik, Naturschutz und Gerechtigkeit miteinander verwoben sind.
Das passte zur Eröffnungsrede von Brasiliens Präsident Lula, der diese COP als „COP of Truth“ bezeichnete. 10 Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen, quasi ein Jubiläum.
Wo wir stehen: Erderwärmung, NDC-Update und die Stimmung im Verhandlungstrakt
2024 hat die Welt zum ersten Mal die 1,5-Grad-Marke überschritten. Die symbolisch wichtigste Zahl des Paris-Abkommens ist zur Realität geworden.
Parallel dazu sollten die Mitgliedsstaaten 2025 ihre neuen Klimapläne (NDCs) einreichen. Die Deadline war im Februar. Viele Länder, darunter die EU und China, reichten erst kurz vor der COP ein. Bis heute haben nur 111 von 193 Staaten aktualisierte Pläne vorgelegt.
Mit den aktuellen Ambitionen steuern wir auf 2,6 °C Erwärmung bis 2100 zu. 2015 waren es noch 3,6 °C. Das zeigt: Das Paris-Abkommen wirkt. Allerdings nicht schnell genug. Nur zwei Länder liegen aktuell auf einem 1,5-Grad-Pfad: Norwegen und UK.
Überall spürbar war auch das, was nicht da war: die USA. Nach ihrem erneuten Ausstieg aus dem Paris-Abkommen fehlt einer der größten Emittenten und ein zentraler Geldgeber. Diese Mischung aus Fortschritt, Unsicherheit und Dringlichkeit prägt die Stimmung im Verhandlungstrakt.
Mein Fokus: Carbon Markets und Artikel 6
Weil ich wissenschaftlich zu CO₂-Märkten arbeite, verbrachte ich die meiste Zeit in Verhandlungen, Dialogen, Roundtables und Side Events zu Carbon Pricing, Artikel 6 und dem Clean Development Mechanism (CDM). Hier findet gerade ein grundlegender Übergang vom alten CDM des Kyoto-Protokolls zu Artikel 6 des Paris-Abkommens statt.
Carbon Pricing – die drei Mechanismen
- Carbon Taxes: direkte CO₂-Steuern
- Emissionshandelssysteme (ETS): Obergrenzen für Emissionen mit handelbaren Zertifikaten
- Carbon Crediting Mechanisms: Mechanismen, die Emissionsminderungen erzeugen und handelbar machen
In Deutschland spielt bisher vor allem der ETS eine Rolle, um nationale Reduktionsziele zu erreichen. Freiwillige Offsets (carbon credits) dürfen Unternehmen zwar nutzen, aber nur zusätzlich. Das ändert sich: Die neue EU-Klimazielsetzung für 2040 soll erlauben, bis zu 3 % des Ziels über internationale CO2-Zertifikate zu erfüllen. Die Grenze zwischen freiwilligen und Compliance-Märkten verschwimmt.
Der CDM – warum er beendet wird (und weshalb das emotional ist)
Der Clean Development Mechanism (CDM) war der erste globale Offset-Mechanismus. Idee: Emissionen dort senken, wo es am günstigsten ist. Dazu sollten Projekte in Entwicklungsländern Emissionsminderungen erzeugen, die Industrieländer dann anrechnen konnten.
Das Problem: Viele dieser Projekte waren nicht “zusätzlich”, nicht permanent, oder überschätzten ihre Reduktionen. Eine Nature Studie aus 2024 zeigt, dass nur rund 16 % der untersuchten Offsets tatsächlich echte Emissionsminderungen darstellen.
Obwohl der CDM formal noch existiert, ist er faktisch tot. Und kostet dennoch jedes Jahr rund 7 Millionen Dollar. Entsprechend umstritten ist, wann er endgültig geschlossen wird und wohin die verbleibenden Mittel fließen sollen: Viele Entwicklungsländer wollen das Geld in den Adaptation Fund leiten, während zahlreiche Industrieländer es für den Aufbau von Artikel 6.4 nutzen möchten. Hinter dieser technischen Budgetfrage steckt eine politische Grundsatzentscheidung.
Was ist Artikel 6 – und warum ist er so wichtig?
Artikel 6 ist im Prinzip das „Update“ internationaler Kohlenstoffmärkte: transparenter, strenger und robuster. Er besteht aus drei Elementen:
- 6.2: Handel von Emissionsminderungen (ITMOs) zwischen Staaten
- 6.4: Der neue UN-überwachte Marktmechanismus (PACM), quasi der Nachfolger des CDM
- 6.8: Kooperation zu nicht-marktbasierten Ansätzen, wie Technologie- und Wissenstransfer
Der zentrale Unterschied zum CDM: Emissionsminderungen müssen durch Corresponding Adjustments nachverfolgt werden. Doppelzählung, das große Problem im CDM, soll damit ausgeschlossen werden.
Eine große Frage ist, ob naturbasierte Projekte (NBS) wie Waldschutz unter Artikel 6.4 zugelassen werden sollen: Rund 70 Stakeholder warnen, dass die strengen Permanenz- und Reversal-Regeln NBS faktisch ausschließen könnten. Länder wie Brasilien und andere waldreiche Staaten drängen hingegen auf eine Öffnung für NBS, während die EU die strengen Vorgaben unterstützt.
Artikel 6 entscheidet damit maßgeblich, ob internationale Kohlenstoffmärkte künftig glaubwürdig funktionieren oder weiterhin Misstrauen erzeugen.
Klimapolitik wird Finanzpolitik: Start des Circle of Finance Ministers
Fair and accessible finance that turns plans into progress.
Zum ersten Mal wurden Finanzministerien formell in den UNFCCC-Prozess eingebunden. Der neue Circle of Finance Ministers rückt Finanzsysteme, Investitionsrisiken und Carbon Pricing ins Zentrum der Klimapolitik.
Beim High-Level-Event „Implementing the COP30 Circle of Finance Ministers Report and the Baku to Belém Roadmap to 1.3T“ am 14. November wurden ihre Prioritäten vorgestellt: verlässliche Finanzflüsse, bessere Daten und high-integrity Carbon Markets.
UNFCCC-Generalsekretär Simon Stiell brachte es auf den Punkt: „Fair and accessible finance that turns plans into progress.“ COP30-CEO Ana Toni bezeichnete genau das als „the key topic of what wants to be an implementation COP“. Und auch Annalena Baerbock, heute Präsidentin der UN-Generalversammlung, erinnerte daran, dass die Transformation nur gelingt, wenn Finanzströme konsequent in Richtung Klimaziele gelenkt werden.
Darüber hinaus wurde die neue Open Coalition for Compliance Carbon Markets vorgestellt, die Carbon Pricing als eines der effektivsten Instrumente zur Dekarbonisierung betont und Governance, MRV und Marktinteroperabilität stärken soll.
Und jetzt?
Zur Halbzeit dieser COP nehme ich vor allem eines mit: dass Klimapolitik dort vorankommt, wo Systeme zusammenfinden, die sonst getrennt voneinander arbeiten – Wissenschaft, Politik, Finanzwelt. Artikel 6, der Circle of Finance Ministers und die neue Open Coalition zeigen, wie viel sich gerade bewegt. Und trotzdem bleibt die Frage: ob wir schnell genug handeln.
Eine Woche bleibt, um zu zeigen, ob diese Jubiläums-COP Geschichte schreibt, oder nur gute Absichten.
Quellen
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/572598/cop30-weltklimakonferenz-in-brasilien/
https://www.climatewatchdata.org/ndc-tracker?search=
https://climateactiontracker.org/publications/warming-projections-global-update-2025/
https://climateactiontracker.org/climate-target-update-tracker-2035/
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-klimaziel-2040-cop100.html
https://www.nature.com/articles/s41467-024-53645-z
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