COP30 – die COP, die indigene Stimmen wirklich hört?

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Sarah Victoria Thoma

Energie-Reporterin

Unsere Energie-Reporterin Sarah ist für die Stiftung auf der COP30 in Belém vor Ort. Sie hat an der Maastricht University Chemie studiert und ist aktuell für das Umweltinstitut München tätig.

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24. November 2025
Foto: freepik.com/

Auch in diesem Jahr berichten Studierende für uns als Energie Reporter:innen von der 30. Weltklimakonferenz (COP30) aus Belem, Brasilien. Interessante, individuelle Einblicke in tagesaktuelle Geschehnisse und die Themen der COP30 werden hier dokumentiert. Dieser Beitrag hier wurde uns von Sarah Thoma zur Verfügung gestellt. 

Zeichen setzen, oder nur ein symbolischer Fingerzeig?

Wenn der Amazonas stirbt, verliert die Welt ihre größte Quelle biologischer Vielfalt, ihren größten Süßwasserspeicher, ihren größten Kohlenstoffspeicher. Aber mehr noch: Sie verliert die Menschen, die wissen, wie man mit der Natur im Gleichgewicht lebt.

Vertreter*in der indigenen Gruppen Amazoniens

Zumindest symbolische Zeichen für den Amazonas und die indigene Bevölkerung setzt das Ausrichtungsland Brasilien so viel wie irgend möglich: Schon am Flughafen in Belém begrüßen einen Regenwaldbilder; das COP-Maskottchen „Curupira“, der Beschützer des Waldes aus der indigenen Folklore, prangt auf jeder Trinkflasche. Die COP eröffnete mit einer traditionellen Darbietung der indigenen Guajajaru, und auf dem Gelände werden auch typische Gerichte der Quilombolas angeboten – einer afrobrasilianischen Gemeinschaft, die in Brasilien genauso wie indigene Gruppen zu den traditionellen Gemeinschaften mit eigenen Gebieten gehören und die oft nachhaltige, traditionelle Lebensweisen verfolgen.

Auch jenseits der Symbolik wirkt die brasilianische COP-Präsidentschaft bemüht, die Anliegen indigener Gruppen ernsthaft auf die Bühne zu heben – soweit das eben geht in der Welt steriler UN-Verhandlungsräume, in denen Menschen hinter nationalstaatlichen “Namensschildern” sitzen und in langen, umständlichen Sätzen nicht als Individuen sondern als Staaten sprechen. Immerhin waren auf dieser COP doppelt so viele indigene Vertreter:innen wie sonst dabei. Besonders präsent: Sonia Guajajara, Brasiliens erste Ministerin für indigene Angelegenheiten, die ich hier bisher jeden Tag gesehen habe. Und auch abseits der offiziellen Räume – bei zivilgesellschaftlichen Foren und der indigenen Aldeia-COP – sind indigene Menschen aus allen Teilen Amazoniens vertreten und sprechen auf spanisch und portugiesisch offen über ihre Erfahrungen, Frustrationen und Forderungen.

Einige von ihnen habe ich in meinen ersten Tagen in Belém interviewt, uns sie erzählten mir von ihren anderen Erfahrungen der Entwicklung, nicht über Resourcen und Profite sondern im Zusammenleben mit dem Wald und der Natur. “Wenn der Amazonas stirbt, verliert die Welt ihre größte Quelle biologischer Vielfalt, ihren größten Süßwasserspeicher,
ihren
 größten Kohlenstoffspeicher. Aber mehr noch: Sie verliert die Menschen, die wissen, wie man mit der Natur im Gleichgewicht lebt.” Klare Worte wie diese, frei von UN-Sprech, waren für mich besonders spannend und inspirierend, aber auch niederschlagend: da ich genau in der extraktiven, von der Natur entkoppelten Lebensweise lebe und aufgewachsen bin, die auf vielen dieser Veranstaltungen sehr direkt angeklagt wurde. Manche Beiträge stellten die direkte Verbindung zwischen zerstörten Territorien, vergifteten Flüssen und europäischer Rohstoffnachfrage schonungslos dar. Durch Artikel oder Dokus wissen wir ja oft schon davon, aber dann vor den Personen zu sitzen, die diese Konsequenzen tagtäglich erleben, die mir davon erzählen, das hat mich dann doch nochmal ganz anders getroffen.

Während ich in einem dieser sterilen Verhandlungsräume sitze, mit Übersetzungskopfhörern auf den Ohren, frage ich mich: Wie sehe ich meine Rolle und Verantwortung in dieser Thematik? Und wie sehe ich den Weg nach Vorne für Deutschland und Europa?

 

 

Was fordern indigene Vertreter:innen?

Natürlich gibt es nicht die eine indigene Forderung – aber unter den vielen Gruppen aus der ganzen Welt es gibt gemeinsame Linien. Besonders klar wurden sie in der gemeinsamen Erklärung indigener Gruppen aus allen neun Amazonas-Ländern: vollständige territoriale Anerkennung und Demarkation als klimapolitische Maßnahme, strikter Schutz dieser Gebiete als extraktionsfreie Zonen, direkter Zugang zu Klimafinanzierung, Zugang zu den COP-Verhandlungen und Anerkennung indigener Wissenssysteme als legitime, wissenschaftliche Grundlage – auch für Klimaschutz. Immer wieder hörte man den Satz: „The answer is us.“ Ohne indigene Territorien – zentrale Kohlenstoffsenken, die gleichzeitig die Extraktion darunterliegender Öl- und Gasvorkommen verhindern – gibt es keinen Amazonas und keinen wirksamen Klimaschutz, meinen sie damit.

Doch trotz ihrer Sichtbarkeit bleiben die Einflussmöglichkeiten begrenzt. Indigene Delegationen haben – wie die Vertretung, der die TUM angehört – nur Beobachterstatus: Kommentare ja, mitverhandeln nein, bei den wichtigsten “informellen-informellen” Verhandlungen noch nicht mal zuschauen.

Eine weitere institutionalisierte Form der Mitprache gibt es noch: das Panel für lokale Gemeinschaften und indigene Völker (LCIPP) Die Teilnahme an LCIPP-Sitzungen des LCIPP zeigte mir zwar Fortschritte in der Mitsprache, aber auch tiefe Gräben, denn in den Sitzungen prallten Welten aufeinander: Eine indigene Vertreterin aus einem Gebiet in Kanada sagte, Worte hätten sie in kolonialen Logiken gefangen gehalten, und es sei nicht Aufgabe indigener Völker, die bestehende Welt umzubauen, sondern eine neue zu schaffen. Als ein kanadischer Delegierter betonte, man habe indigene Gruppen an der Entwicklung der kanadischen Klimapläne (NDC & NAP) beteiligt, kam die Antwort der indigenen Vertreterin: Kanada sei auf ihrem Territorium eine unerwünschte Präsenz – warum also an nationalen Plänen mitarbeiten, die koloniale Zerstörung fortschreiben? Auch in LCIPP-Diskussionen zur gerechten Gestaltung globaler Klimapolitik (Just Transition) wurde deutlich, dass viele nationale Delegationen Klima- und Transformationspolitik als Fortschritt sehen, während indigene Gruppen darin oft nur neue Formen kolonialer Kontrolle erkennen. „I refuse to move from colonialism to neocolonialism and from marketism to neomarketism“, sagte eine Person. Und immer wieder fiel der Satz: Es reicht nicht, indigenes Wissen „einzubetten“.

Sichtbarkeit? Ja. Einfluss? Noch kaum.

Aktuell wird unter Hochdruck an einem der Abschlussdokumente der COP gearbeitet – der Mutirão Entscheidung, wie sie bisher genannt wird. Forderungen der indigenen Gruppen sind hier quasi nicht enthalten. Im aktuellen Entwurf dieses Dokuments wird die indigene Bevölkerung nur zweimal genannt, immerhin als erste von einer Reihe von Stakeholdern. Keine Referenz zu der geforderten “free, prior and informed consent”-Zustimmung von Indigenen, nichts zu Landrechten, Teilhabe in COP-Prozessen, indigenem Wissen, Extraktion in indigenen Gebieten, direktem Zugang zu UN-Klimafonds. Einer der Lichtblicke könnte der Tropical Forest Forever Fund (TFFF) sein, den Präsident Lula ins Leben rufen will und von dessen Einnahmequellen 20% direkt an indigene Gruppen gehen soll.

Trotz aller Bemühungen bleibt die Distanz zwischen indigenen Perspektiven und den starren UN-Strukturen enorm. Die Frage, die für mich bleibt: Wie können diese unterschiedlichen politischen, prozeduralen und epistemischen Welten künftig zusammenfinden?

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