In der 41. Folge des Podcast zur Energiezukunft spricht Katharina Klein mit Alexandra Decker, Vorstandsmitglied des Baustoffherstellers CEMEX Deutschland, über Carbon Capture Storage (CCS) und seine Rolle in der industriellen Dekarbonisierung.
Warum ist CCS für die Klimaziele der Industrie entscheidend?
Die Zementindustrie verursacht sieben bis acht Prozent der weltweiten CO₂–Emissionen – vor allem, weil bei der Entsäuerung von Kalkstein (CaCO₃ → CaO + CO₂) unvermeidbare Prozessemissionen entstehen. Selbst mit Energieeffizienz, alternativen Brennstoffen und optimierten Rezepturen bleiben signifikante Restemissionen. „Wir müssen eine Lösung finden, wie wir langfristig CO₂ neutral produzieren können“, betont Alexandra Decker. CCS schließt genau diese Lücke und wird damit zum Kernbaustein jeder realistischen Dekarbonisierungsstrategie in der Zementherstellung.
Wie funktioniert CCS in der Zementindustrie?
CEMEX verfolgt einen Ansatz, der an der Abgasseite ansetzt: Der Abgasstrom wird am Werk abgefangen, verflüssigt und das CO₂ aus dem flüssigen Abgasstrom ausgewaschen. Das separierte CO₂ soll anschließend per Bahn zu Küstenstandorten transportiert, dort auf Schiffe verladen und unter der Nordsee geologisch langfristig gespeichert werden. Technologisch ist die Abscheidung erprobt; die Herausforderung liegt in der skalierbaren Umsetzung, der Transportlogistik und in verlässlichen Speicherketten über Jahrzehnte bis Jahrhunderte.
Was ist CCU im Vergleich zu CCS?
Als CCU (Carbon Capture and Utilization) wird die stoffliche Nutzung von CO₂ bezeichnet – etwa zur Herstellung synthetischer Kohlenwasserstoffe. „CO₂ ist eigentlich ein Wertstoff“, sagt Decker, doch in vielen Anwendungen wird das CO₂ später wieder freigesetzt, wenn der erzeugte Kraftstoff verbrannt wird. Deshalb können solche Lösungen regulatorisch nicht als dauerhafte Minderung angerechnet werden. Für die Dekarbonisierung schwer vermeidbarer Emissionen bleibt dauerhafte Speicherung (CCS) die robuste Option, während CCU ergänzend in Closed–Loop–Nischen sinnvoll sein kann.
Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen braucht CCS?
Damit CCS skaliert werden kann, braucht es einen verlässlichen Rechtsrahmen. Das geplante Kohlenstoffspeicherungsgesetz (KSPG) soll den Weg für Speicherung und auch für den Export von CO₂ ebnen. Parallel müssen Genehmigungsprozesse gestrafft werden, damit Infrastrukturprojekte Planungs– und Investitionssicherheit erhalten. Ökonomisch ist klar: Abscheidung, Transport und Speicherung tragen ein Kostenetikett pro Tonne CO₂ – derzeit noch mit Unsicherheiten. Diese Kosten schlagen sich in Produktpreisen nieder und werfen die Frage der Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Umfeld auf. Ohne fördernde Instrumente, langfristige Strom und Netzpreisklarheit sowie Infrastruktur–Kofinanzierung bleibt der Hochlauf zäh.
Warum kann CCS-Infrastruktur nur mit politischer Planungssicherheit entstehen?
CCS ist ein Systemprojekt: Ohne CO₂–Hubs und Pipelines kommen die Abscheider nicht aus der Nische, ohne gesicherte Abnahmemengen entstehen Hubs und Pipelines aber zu spät. Dieses Henne–Ei-Problem prägt derzeit die Branche. In Deutschland werden Industriecluster mit vielen Emittenten (z. B. in Nordrhein-Westfalen) voraussichtlich zuerst angebunden. Der CEMEX–Standort Rüdersdorf (Brandenburg) liegt außerhalb solcher Cluster. Daher plant CEMEX, CO₂ zunächst per Bahn zur Küste zu bringen, bis Pipeline-Korridore verfügbar sind. Entscheidend wird sein, Investitionsentscheidungen entlang der Wertschöpfungskette synchron zu treffen – von der Abscheidung über die Logistik bis zur Speicherung.
Holt Deutschland im internationalen Vergleich bei CCS auf?
Im europäischen Vergleich ist Deutschland beim CCS–Hochlauf Nachzügler, während Dänemark und Norwegen als Vorreiter gelten und Geschäftsmodelle rund um Speicherung und Transport entwickeln. Auch die Niederlande treiben Projekte frühzeitig voran. In Deutschland hemmten Vorbehalte lange den Fortschritt; inzwischen mehren sich die politischen Signale für einen Neustart. Für Pionierprojekte wie das von CEMEX – unterstützt durch den EU Innovation Fund – gilt: Je schneller der Rechtsrahmen greift und Infrastruktur sichtbar wird, desto eher lassen sich Skalierungseffekte und Kostendegression erschließen.
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