Brandrodung in Ghana: Zwischen Tradition und Umweltkonflikt

Julian Henle

Student

Julian Henle studiert Maschinenwesen an der Technischen Universität München und verbringt ein Auslandssemester an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Ghana. In seinen Beiträgen beleuchtet er Energie- und Umweltthemen in Ghana und berichtet dabei über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungen vor Ort.

weiterlesen
27. Mai 2026

Während der Trockenzeit liegt über vielen ländlichen Regionen Ghanas ein Geruch von Rauch in der Luft. Auf Feldern und an Waldrändern brennen Feuer. Dieses Bild wirkt oft alarmierend, da sich die Flammen scheinbar unkontrolliert durch das trockne Gras und Buschland fressen. Für viele Bauern hingegen ist es ein vertrauter Bestandteil des landwirtschaftlichen Jahreszyklus. Die sogenannte Brandrodung, auch als „Slash-and-Burn“ bekannt, gehört seit Generationen zu den grundlegenden Anbaumethoden in Teilen Westafrikas. Die Praxis ist umstritten. Kritiker sehen darin einen Treiber für Entwaldung und Bodenschäden, während Bauern sie als effiziente und überlebenswichtige Technik verteidigen. Um das Phänomen zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Funktionsweise und auf die unterschiedlichen Perspektiven, die diese Praxis prägen.

Wie Brandrodung in Ghana tatsächlich funktioniert

Foto: Julian Henle

Der Begriff Brandrodung weckt häufig das Bild komplett abgebrannter Wälder. In Ghana sieht die Realität vielerorts differenzierter aus. Besonders in den landwirtschaftlichen Übergangszonen zwischen Wald und Savanne, etwa in Teilen der Ashanti-Region oder im Brong-Ahafo-Gebiet, werden Felder meist nicht vollständig gerodet. Die Bauern schneiden zunächst Sträucher, hohes Gras und kleinere Bäume mit Macheten. Größere Bäume bleiben häufig stehen, entweder weil ihr Fällen zu aufwendig wäre oder weil sie bewusst als Schattenspender und Bodenstabilisatoren erhalten bleiben. Nach einigen Wochen Trockenzeit wird das abgestorbene Pflanzenmaterial kontrolliert angezündet. Das Feuer brennt in der Regel schnell ab, da hauptsächlich trockenes Buschmaterial und Gras betroffen sind. Zurück bleibt eine dünne Ascheschicht, die Nährstoffe wie Kalium, Phosphor und Calcium enthält. Diese Mineralstoffe wirken kurzfristig als natürlicher Dünger und verbessern die Bodenfruchtbarkeit für die kommende Anbausaison. Wenige Wochen nach dem Brand beginnt die Landschaft bereits wieder zu grünen. Regenfälle und verbleibende Wurzeln treiben neue Vegetation aus. Gerade in tropischen Klimazonen regeneriert sich die Pflanzenwelt schnell, sodass viele Flächen innerhalb kurzer Zeit wieder bewachsen sind. Das Feld wird anschließend mit Nutzpflanzen bestellt, häufig Cassava, Mais, Plantain, Yam oder auch Kakao. In vielen Fällen wird die Fläche zwei bis drei Jahre lang genutzt, bevor die Bauern sie brachliegen lassen oder eine neue Fläche vorbereiten. 

Die Perspektive der Bauern: Ein System der Anpassung

Foto: Julian Henle

Für viele Kleinbauern in Ghana ist Brandrodung kein Relikt aus vergangenen Zeiten, sondern eine pragmatische Antwort auf wirtschaftliche Realität. Landwirtschaft wird häufig mit minimaler Technik betrieben. Maschinen, Mineraldünger oder chemische Pflanzenschutzmittel sind für viele Familien schlicht zu teuer oder schwer verfügbar. Das Feuer übernimmt deshalb mehrere Aufgaben gleichzeitig. Es entfernt die Vegetation, reduziert Schädlinge und Pflanzenkrankheiten und liefert kurzfristig Nährstoffe für den Boden. Ohne diese Methode müssten Bauern deutlich mehr Zeit und Geld in die Vorbereitung ihrer Felder investieren. Hinzu kommt der wachsende Druck auf landwirtschaftliche Flächen durch das steigende Bevölkerungswachstum und dem damit verbundenen Bedarf an Nahrungsmitteln. Während Ghana 1980 noch knapp zwölf Millionen Einwohner zählte, leben heute über 32 Millionen Einwohner im Land 1. Für viele Bauern bleibt deshalb kaum eine Alternative zur Ausweitung oder regelmäßigen Erneuerung ihrer Felder. Auch der wirtschaftlich wichtige Kakaoanbau spielt eine Rolle. Ghana ist nach der Elfenbeinküste der zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt. Neue Plantagen entstehen häufig auf Flächen, die zuvor durch Rodung und kontrolliertes Abbrennen vorbereitet wurden. Für viele Familien stelltKakao die wichtigste Einnahmequelle dar. Aus Sicht der Bauern wird Brandrodung daher häufig missverstanden. Viele betonen, dass ihre Feuer kontrolliert und zeitlich begrenzt seien. Weil die Vegetation regelmäßig entfernt wird, sammelt sich weniger trockenes Material an. Dadurch, so argumentieren sie, sinkt in manchen Regionen sogar das Risiko großer, unkontrollierter Buschbrände. 

Die Perspektive der Umwelt: Ein schleichender Verlust

Foto: Julian Henle

Trotz dieser Argumente sehen Umweltorganisationen und Wissenschaftler die Entwicklung kritisch. Ghana hat in den vergangenen Jahrzehnten einen erheblichen Teil seiner Wälder verloren. Schätzungen zufolge schrumpfte die Waldfläche des Landes von etwa acht Millionen Hektar zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf rund 1,6 Millionen Hektar bis 1990. Jährlich werden durch Buschbrände bis zu 30% der Waldflächen geschädigt oder zerstört, besonders während der Trockenzeit zwischen November und Mai. Brandrodung ist dabei nicht der einzige, aber ein wichtiger Faktor. Besonders problematisch wird die Methode, wenn die Brachzeiten immer kürzer werden. Früher konnten sich viele Flächen über zehn Jahre oder länger regenerieren. Heute kehren Bauern oft schon nach wenigen Jahren zurück, weil landwirtschaftliche Flächen knapp sind. Dadurch wird der Boden langfristig ausgelaugt. Die kurzfristigen Nährstoffe aus der Asche werden durch tropische Regenfälle schnell ausgewaschen. Gleichzeitig steigt die Gefahr von Erosion, wenn Vegetationsdecken wiederholt zerstört werden. Auch für die Artenvielfalt hat die Entwicklung Folgen. Wälder in Ghana beherbergen zahlreiche Tierarten, von Primaten bis zu seltenen Vogelarten. Wenn Wälder zunehmend in kleine landwirtschaftliche Inseln zerfallen, verlieren viele dieser Arten ihren Lebensraum, wie etwa der Rote Colobus-Affe, der seit 2003 aufgrund von Habitatverlust als ausgestorben gilt. Schließlich wirkt sich das Abbrennen von Vegetation auch auf das Klima aus. Beim Verbrennen von Pflanzenmaterial wird Kohlendioxid freigesetzt, das zum Treibhauseffekt beiträgt. Gleichzeitig entstehen Rauch und Feinstaub, die regional die Luftqualität beeinträchtigen können. 

Diskutieren Sie mit

Ich akzeptiere die Kommentarrichtlinien sowie die Datenschutzbestimmungen* *Pflichtfelder

Artikel bewerten und teilen

Brandrodung in Ghana: Zwischen Tradition und Umweltkonflikt
0
0